Schicksale
Inhaltsverzeichnis
- Elektro AG für angewandte Elektrizität
- Fürstengrube GmbH
- IG Farben
- Jan Molin
- KZ Fürstengrube
- KZ Günthergrube
- KZ Janinagrube
- Wollheim
Weitere Artikel sind in Bearbeitung
Elektro AG für angewandte Elektrizität
Die Elektro AG für angewandte Elektrizität in Łaziska Górne (Ober-Lazisk) wurde 1940 aus der kommissarischen Verwaltung durch die Haupttreuhandstelle Ost entlassen und ihre Anteile mit Ausnahme der Schweizer Anteile an die Fürstengrube GmbH übertragen. [1] Damit bekam die IG Farben für ihr Werk in Auschwitz den Zugriff auf eine eigene Elektrizitätsversorgung über die Elektro AG. In der Generalversammlung vom 15. Juli 1940 wurden Rechtsanwalt Franz Ludwig, Generaldirektor Günther Falkenhahn, Wirtschaftsprüfer Johannes Semler sowie die Schweizer Aktionärsvertreter Paul Ronus [2] und Direktor Henry Niesz als Aufsichtsratsmitglieder berufen. [3] Zum Vorstandssprecher wurde Dr. Walter von Amann ernannt. [4] Diese Position behielt er bis zu seinem Tod 1945. Weiterer Vorstand war der Landgerichtsrat a. D. Gerhard Streubel. 1941 wurde Richard Gdynia, Direktor der Deutschen Bank-Hauptfiliale in Kattowitz, und am

Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober-Lazisk 1939
16. Februar 1942 der IG Farben-Manager Heinrich Bütefisch in den Aufsichtsrat gewählt. [5] Damit war die Kapitalgeberseite im Aufsichtsrat ebenso vertreten wie die IG Farben als zukünftig größter Stromkunde der Elektro AG. Die Schweizer Anteilseigner entsandten in den Kriegsjahren regelmäßig ihre Aufsichtsratsmitglieder nach Ober-Lazisk.
1941 zeigte die Elektro AG dem Reichswirtschaftsministerium über die Reichsgruppe Energiewirtschaft an, dass das vorhandene Kraftwerk wegen zusätzlicher Stromlieferungen an das IG Farben-Werk in Auschwitz und erhöhten Strombedarf der Bergwerke der Fürstengrube GmbH mit vier Strahlungskesseln mit Kohlestaubfeuerung, zwei Dampfturbosätzen und zwei Umspannanlagen nebst allen erforderlichen Neben- und Freianlagen von 70,5 MW auf 132,5 MW Stromabgabe erweitert werden soll. [6] Am 5. August 1944 konnte die Elektro AG den erfolgreichen Abschluss des Probelaufs von Turbosatz VI melden. [7] Der Turbosatz VII sei in der Montage, die Ausrüstung vollständig geliefert. Als Termin für den voraussichtlichen Vollbetrieb war der 31. Dezember 1943 geplant, aber nach fortwährendem Abzug von Arbeitskräften nicht annähernd zu halten gewesen.
In Ober-Lazisk existierten nach Erinnerungen der Häftlinge Joachim Leo Hampel und Salman Rozenberg ein Frauenlager mit bis zu 10 und ein Männerlager mit bis zu 400 jüdischen Häftlingen. [8] Diese gehörten zur Dienststelle Schmelt und waren in der Zeit von September 1940 bis November 1943 mit Unterbrechungen durch Häftlinge belegt. [9] Die Frauen wurden bei Küchen- und Lagerarbeiten eingesetzt. Die männlichen Häftlinge arbeiteten für die Firmen Lenz AG, Borsig und andere Unternehmen auf der Kraftwerksbaustelle der Elektro AG. Die Ernährung war mangelhaft. Die Arbeitszeit betrug 12 Stunden täglich. Der Einsatz der Häftlinge bei der Elektro AG wurde der SS über Kollektivvertrag vergütet. Die letzten Häftlinge wurden im November 1943 zunächst nach Auschwitz deportiert. Laut Rozenberg wurden auch englische Kriegsgefangene zur Arbeit gezwungen. [10]
Das Kraftwerk war bei Nahen der russischen Frontlinie am 24. Januar 1945 noch in Betrieb. Der langjährige Direktor Walter von Amann, ein Österreicher, wollte sich von der Front überrollen lassen. [11] Amann wurde jedoch am 29. Januar 1945 von einem russischen Soldaten in seinem Büro erschossen. [12]
[1] Polnischer Firmenname: Zakłady Elektro Spółka Akcyjna. Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 30 vom 31. August 1940, S. 161 Nr. 1557; Rechenschaftsbericht der Haupttreuhandstelle Ost über ihre Tätigkeit in den Jahren 1939–1942, in: Łuczak, Grabież polskiego mienia na ziemiach zachodnich Rzeczypospolitej, S. 185.
[2] Dr. iur Paul Ronus: * 31. August 1883 in Basel, † 23. Juni 1941 in Bern, Oberst, Kommandant der Infanterie-Brigade 11, Advokat und Notar, Präsident des Großen Rates des Kantons Basel-Stadt 1915–1935 und 1939–1940, Vertreter der liberalen Partei, Präsident der Allgemeinen Armenpflege, Aktionärsvertreter Elektro AG 1940.
[3] Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 31 vom 7. September 1940, S. 166 Nr. 1622.
[4] Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 10 vom 8. März 1941, S. 75 Nr. 772.
[5] Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 29 vom 19. Juli 1941, S. 214 Nr. 2032: Wahl des Aufsichtsrats Gdynia. Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 8 vom 21. Februar 1942, S. 24 Nr. 135: Wahl des Aufsichtsrat Bütefisch.
[6] BArch R4604/165: Anzeige der Elektro AG vom 27. Juni 1941 auf Erweiterung des Kraftwerks mit 35 MW-Turbosätzen VI und VII.
[7] BArch R4604/165: Elektro AG - Erweiterung Probelauf Maschine VI erfolgreich am 5. August 1944, Maschine VII in Montage.
[8] Arolsen Archives, Suchwort „Ober-Lazisk“, Fundstelle Zwangsarbeitslager der Dienststelle Schmelt: Brief des Joachim Leo Hampel an das International Tracing Service (IST) Headquarters US Army in Arolsen vom 7. April 1950; Brief des IST an Salman Rozenberg vom 24. Juli 1950 mit Antwortbogen des Rozenberg, Posteingang 26. Oktober 1950. Anmerkung: Salman Rozenberg wurde auf dem Todesmarsch von Dachauer KZ-Häftlingen in Sesshaupt am Starnberger See Ende April 1945 befreit. Eltern und Schwiegereltern von Joachim Leo Hampel wurden im KZ Auschwitz ermordet.
[9] BArch, Haftstättenverzeichnis der Stiftung EVZ, Register DS-Nr. 712.
[10] Vermutlich Kriegsgefangene des Stalag VIII-B/344 Teschen (Britenlager), untergebracht in Lagerbaracken in der Kolonie Kopalnia, Łaziska Górne und dem Arbeitskommando E742 Ober-Lazisk Fabrik "ELECTROWERKE" zugewiesen.
[11] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 29, NI-11956: Bericht über die Kriegsereignisse in und um Auschwitz vom 13. bis 24. Januar 1945, S. 8.
[12] Anna Sikora: Zapomniana historia Waltera von Amanna (Die vergessene Geschichte von Walter von Amann). Gazeta łaziska, 2016, Nr. 9, S. 11.
Fürstengrube GmbH
Die Fürstengrube GmbH war ein Unternehmen des Steinkohlebergbaus, das in seinen Bergwerken ausreichend Kohle für das Bunawerk und die Synthesetreibstoffherstellung am IG Farben-Standort Auschwitz-Monowice sowie für die Stromproduktion im Kraftwerk Ober–Lazisk der Elektro AG für angewandte Elektrizität fördern sollte.
Zwischen den IG Farben und der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG, unter kommissarischer Verwaltung durch die Haupttreuhandstelle Ost bis Kriegsende, wurde am 8. Februar 1941 ein
Vorgründungsvertrag geschlossen, um u. a. die Steinkohlenzeche Fürstengrube nebst den dazugehörigen Kohlenfeldern über die gemeinsame Gesellschaft Fürstengrube GmbH auszubeuten. [1] Als Stammkapital wurden 25 Mio.

Fürstlich Plessische Bergwerksdirektion in Kattowitz
RM festgelegt. [1] Davon übernahmen die IG Farben einen Anteil von 51 % durch Bareinzahlung von 12,75 Mio. RM. Die Fürstlich Plessische Bergwerks-AG brachte mit dem Bergwerk Fürstengrube im Wert von 14 Mio. RM ihren Anteil am Stammkapital von 12,25 Mio. RM als Sacheinlage ein, von der 1,75 Mio. RM von den IG Farben in bar vergütet wurde. Am Februar 1941 wurde auch der Gesellschaftsvertrag zwischen den beiden Parteien mit detaillierteren Regelungen beurkundet. [2] In einem Zusatzvertrag [3] wurden mehrere gemeinsame Ziele festgelegt:
- Der Ausbau der Schachtanlagen der Fürstengrube soll auf zunächst 1,5 Mio. Tonnen Jahresförderung mit der Möglichkeit der Erweiterung auf 3 Mio. Tonnen erfolgen.
- Für die ersten 23 Jahre (1941–1963) wird der Fürstlich Plessische Bergwerks-AG eine Jahresertrag von 4 % der Beteiligung gewährleistet.
- Während dieser 23 Jahre ist die IG Farben in ihren Dispositionen im Hinblick auf Ausbau, Betrieb und neue Anlagen frei.
Die Fürstengrube GmbH wurde am 30. Juni 1941 in das Handelsregister beim Amtsgericht Kattowitz eingetragen. [4] Sitz der Gesellschaft war Kattowitz. Die Geschäftsräume befanden sich der Bergwerksverwaltung der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG in der Bernhardstraße 44/46 in Kattowitz.
Die Gesellschafter beriefen den Vorstand der IG-Farben Heinrich Bütefisch zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats. [5] Weitere Mitglieder im Aufsichtsrat waren Otto Ambros [6] und Reinhard Goldberg, [7] Direktor der IG Farben, der Direktor der Hauptfiliale der Deutschen Bank in Kattowitz Richard Gdynia [8] und der Rechtsanwalt Franz Ludwig aus Breslau als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, zugleich kommissarischer Verwalter der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG . [9]
Als erster und einziger Geschäftsführer wurde Bergassessor Günther Falkenhahn [10] berufen. Falkenhahn informierte den Aufsichtsratsvorsitzenden Bütefisch bei den regelmäßigen Treffen über alle wichtigen Geschäftsvorgänge. Die wichtigsten Fragen des AR-Vorsitzenden betrafen die Förderlage, die Materialbeschaffung und den Arbeitseinsatz. Gesamtprokura erhielten die leitenden Mitarbeiter Bergassessor Ferdinand Dinter, [11] Assessor Alfred Musiolik und Dipl.-Kaufmann Max Ottermann. [12] Dinters Prokura erlosch 1942. Neue Prokuren wurden Bergassessor Wilhelm Düllberg [13] und Friedrich Hermann erteilt. [14]
Am 23. Juni 1942 verlieh der Reichswirtschaftsminister der Fürstengrube GmbH das Bergwerkseigentum, in dem Bergwerksfeld „Fürstengrube“ in den Gemeindebezirken Wessola, Emanuelssegen, Kostow und Lendzin im Kreis Pless Steinkohle zu gewinnen. [15] Gleiches Recht wurde der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG für die Bergwerksfelder „Fürst von Pleß II“ in den Gemeindebezirken Emanuelssegen, Lendzin, Kostow und Anhalt im Kreis Pless und „Günther“ in den Gemeindebezirken Lendzin, Emanuelssegen, Kostow, Anhalt, Gurkau und Alt-Berun im Kreis Pleß sowie zahlreichen weiteren Bergwerksfeldern verliehen. [15]

Die IG Farben übte über die Fürstengrube GmbH einen beherrschenden Einfluss aus auf:
- das Steinkohlebergwerk Fürstengrube in Wesoła,
- die Grube Janina in Libiąż Mały, vermutlich Anfang 1943 umbenannt in Grube Gute Hoffnung
- die Gruben Piast und Günther in Lędzińy sowie
- die Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober-Laszik als Betreiber eines der damals größten polnischen Kraftwerke.
Steinkohlebergwerk Fürstengrube
1941 war seitens der IG Farben geplant, die Förderleistung der Fürstengrube-Altanlage bis Ende 1944 auf 62.000 Tonnen Steinkohle pro Monat konstant zu halten und die Förderung über den alten Schacht 1945 zu beenden. [16] Die neue Schachtanlage Fürstengrube-Neuanlage sollte ab Anfang 1944 allmählich auf 125.000 Tonnen Steinkohle pro Monat bis Ende 1945 hochgefahren werden. Dies entspräche dann den anvisierten jährlichen 1,5 Mio. Tonnen Steinkohle. Baubeginn des neuen Schachts war 1942. Die Fürstengrube-Neuanlage konnte den Förderbetrieb bis Kriegsende 1945 nicht mehr aufnehmen. [17]
Als Stammarbeiter wurden in den Jahren 1943 und 1944 zwischen 900 und 1.200 polnische Bergleute aus der Region eingesetzt. [18] In Fußnähe der Fürstengrube existierten zunächst ein Lager für Juden, das Lager Ostland für Zwangsarbeiter (Männer und Frauen) sowie das Lager Nord für sowjetische Kriegsgefangene. 1943 kam noch das neu errichtete Lager Süd für Häftlinge des KZ Auschwitz hinzu, das ab 2. September 1943 belegt wurde. [19] Im November 1943 wechselte die Zuständigkeit für die Häftlinge vom KZ Auschwitz I zum KZ Auschwitz III. Die Zahl der KZ-Häftlinge stieg auf fast 1.400 Häftlinge im September 1944 an. [20]
Grube Janina
Eigentümerin der Grube Janina in Libiąż war die 1898 gegründete französische Gesellschaft Compagnie Galicienne de Mines mit Sitz in Paris (deutscher Firmenname: Französische AG Galizische Bergwerksgesellschaft).
Die Grube verfügte über zwei Schächte, eine Kraftstation mit verhältnismäßig großer Leistung und alle notwendigen Nebenanlagen für den Betrieb eines Steinkohlebergwerks. [21] Anfang 1942 lag die Förderleistung nach Angaben der Grubenleitung bei etwa 1.200 Tonnen pro Tag bzw. 400.000 Tonnen Steinkohle pro Jahr bei einer Belegschaft von 1.126 Polen und 20 Deutschen. [21] Allerdings sei die Grube wegen Absatzproblemen aufgrund Überangebots an Kohlen nur an zwei bis drei Tagen in der Woche in Betrieb. Die Kohlenvorräte der Grube wurden von Bergwerksdirektor Kröger größenordnungsmäßig mit einer Milliarde Tonnen als sehr hoch veranschlagt. Die Kohlen aus der Janinagrube wurden als verhältnismäßig aschearm und von relativ geringem Wassergehalt eingestuft, sodass über einen langen Zeitraum gute Kohle für die Energieerzeugung zu erwarten wäre. [21]

Grube Janina 1938
Den Kaufpreis schätzte der Grubendirektor Kröger im Februar 1942 auf etwa 5 Mio. RM. Auf Anordnung der Haupttreuhandstelle Ost wurde die Französische AG Galizische Bergwerksgesellschaft zum 1. Januar 1943 in die Verfügungsgewalt der Fürstengrube GmbH eingewiesen und der bisherige kommissarische Verwalter Ladislaus Franz Trenczak abberufen. [23] Begründet wurde die Übergabe der Verfügungsgewalt seitens der HTO mit der Erwartung, dass der Abschluss eines endgültigen Verkaufsvertrages mit der Fürstengrube GmbH noch längerer Zeit bedürfe, die Übergabe aber wegen wehrpolitisch großer Aufgaben nicht weiter verzögert werden könne.
Als Kaufpreis der Grube Janina war seitens der Haupttreuhandstelle Ost 10 Mio. RM festgelegt worden, obwohl das Gutachten des ehemaligen Geschäftsführers der Fachgruppe Bergbau im Reichsverband der Deutschen Industrie Friedrich August Pinkerneil für die Haupttreuhandstelle Ost mit 4.891.364 RM etwa den halben Wert ergeben hatte. [24] Dieser Preis war aus Sicht des Bergrats Werner Tessmar, Gruppenleiter Bergbau bei der Haupttreuhandstelle Ost, bergwirtschaftlich und betriebswirtschaftlich angemessen. IG Farben und Haupttreuhandstelle Ost einigten sich auf einen Kaufpreis 9,45 Mio. RM, dem der Vorstand der IG Farben in seiner 42. Sitzung am 2. März 1944 zustimmte. [25] Nach eidesstattlicher Erklärung von Max Winkler, dem Leiter der Haupttreuhandstelle Ost, am 23. Januar 1948 war die Janinagrube aber zu keinem Zeitpunkt an die Fürstengrube GmbH übereignet worden, weil der Eigentümer Französische AG Galizische Bergwerksgesellschaft der Übereignung nicht zugestimmt hatte. [26]
Allerdings existierte ein notarielle beurkundeter Kaufvertrag zwischen dem kommissarischen Verwalter der Französischen AG Galizischen Bergwerksgesellschaft und dem Deutschen Reich vom 10. Dezember 1943. [27] Als Vertreter der Parteien zeichneten der Prokurist der Fürstengrube GmbH Wilhelm Düllberg für den von der Haupttreuhandstelle Ost bestellten Verkaufstreuhänder der Galizischen Bergwerksgesellschaft Günther Falkenhahn, zugleich Düllbergs Vorgesetzter bei der Fürstengrube GmbH, und der bei der Haupttreuhandstelle Ost für den Bereich Bergbau zuständige Gruppenleiter Werner Tessmar für das Deutsche Reich. Verkauft wurde insbesondere das gesamte Anlage- und Umlaufvermögen und die Rechte und Pflichten aller Art der Galizischen Bergwerksgesellschaft in Libiaz (§ 1) rückwirkend zum 1. Januar 1943. [28] Als Kaufpreis wurden 1,481 Mio. RM festgelegt, der auf unbestimmte Zeit zinslos gestundet wurde (§ 8). [29]
Während der deutschen Besatzungszeit wurde die Grube Janina auch als Janinagrube, Johannagrube und ab 1943 als Grube Gute Hoffnung benannt. [30] Kohle wurde über die drei Schachtanlagen Viktor, Alexander und Sigmund gefördert. [31] Für 1938 wurden als Förderzahl 232.735 Tonnen Steinkohle genannt. Geplant war der Ausbau der Grube Janina auf eine Förderleistung von 1,5–2 Mio. Tonnen pro Jahr. [32] Dazu sei es aus Sicht der IG Farben notwendig, etwa 25 Mio. RM zu investieren.
In den Monaten nach Übernahme durch die Fürstengrube GmbH wurden erhebliche Probleme offensichtlich, die eine Steigerung der Förderleistung der Grube Janina behinderten: es fehlten Arbeitskräfte, Vorrichtungsarbeiten wurden in der Vergangenheit nicht ausreichend vorangetrieben, die Neueinrichtung einer Sohle sei erforderlich, die Separierung über Tage sei zu klein und vier der Dampfkessel des Kraftwerks wären vom Dampfkesselüberwachungsverein stillgelegt worden. [33]
In der Nähe der Grube waren in einem Lager 150 britische Kriegsgefangene untergebracht, die zahlreich Scherereien machten und häufiger die Arbeit verweigerten. [34] Sie wurden daher auf Betreiben der Fürstengrube GmbH am 20. August 1943 abtransportiert und am 4. September 1943 durch 282 Häftlinge aus dem KZ Auschwitz ersetzt, die in demselben Lagerstandort (jetzt KZ Janinagrube genannt) eingesperrt wurden. [35] Die Belegung des Lagers stieg nach Ausbau und Erweiterung auf etwa 900 KZ-Häftlinge an. Für den Einsatz der Facharbeiter mussten ab dem 6. September 1943 6 RM pro Tag und für den Einsatz der Hilfsarbeiter 4 RM pro Tag an die SS bezahlt werden. [36]
Bei Annäherung der russischen Front wurde die Grube Janina durch Bergassessor Düllberg endgültig stillgelegt und gelähmt. [37] Das Lähmungsgut wurde zur Fürstengrube transportiert. Die Grube wurde am 18. Februar 1945 an die polnischen Diplomingenieure Adamczyk und Spitzer übergeben.
Bergwerke Piast und Günther
Kohle wurde in Lędzińy bis Kriegsende über die Piast-Schächte gefördert. Da das Baufeld des Steinkohlebergwerks „Szyby Piast“ (alte deutsche Bezeichnung „Heinrichsfreude“ bis 1923) über die Piast-Schächte nicht vollständig erschlossen werden konnte, wurde mit der Errichtung einer zweiten Schachtanlage namens „Günther“ auf einem etwa 2,5 km Luftlinie entfernten, südlich gelegenen Grundstück begonnen. Teufbeginn für diese Schachtanlage war der 2. Oktober 1942. 1941 war seitens der IG Farben geplant worden, die Förderleistung der alten und neuen Schächte in Lędziny auf zunächst 62.000 Tonnen Kohle pro Monat im Juli 1943 und durch Zubau weiter auf 187.000 Tonnen pro Monat Ende 1945 zu erhöhen. [38] Es gelang jedoch bis Kriegsende nicht, die Förderung über Schacht Günther aufzunehmen.
In der Nachbarschaft der Piast-Schachtanlagen existierten ab 1942 mehrere Lager für Kriegsgefangene und Zivilarbeiter: Lager Wolga für sowjetische Kriegsgefangene, jüdische Zwangsarbeiter und später auch Italiener, Lager Eintracht für Zwangsarbeiterinnen und Lager R188 für sowjetische Kriegsgefangene. [39] 1943 erhielten die vorhandenen Standorte im Zuge von Erweiterungsplanungen zur Unterbringung zusätzlicher Arbeitskräfte neue Namen. Am 1. Juli 1944 waren das Lager Günther I (ehemals Lager Wolga Schacht I) mit 484 sowjetischen Kriegsgefangenen und 44 Polen, das Lager Günther II (ehemals Lager Eintracht) mit 221 Polen und 36 Deutschen sowie das Lager Piast (ehemals Lager R188) mit 459 sowjetischen Kriegsgefangenen belegt. [40] Anfang 1943 wurde das Arbeitslager „Heimat“ für etwa 400 Polen, Ostarbeiter und Deutsche eingerichtet. [41] Nahe der Schachtanlage Günther wurde 1944 ein Massivbarackenlager mit dem Namen Günther III (KZ Günthergrube) neu errichtet, das ab Juni 1944 die meisten Zwangsarbeiter aus dem Lager Heimat aufnahm und mit bis zu 1.500 KZ-Häftlingen belegt werden sollte. [42]
[1] Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389127: Vorgründungsvertrag vom 8. Februar 1941.
[2] Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389136-41: Gesellschaftsvertrag vom 8. Februar 1941.
[3] Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389142-45: Zusatzvertrag vom 8. Februar 1941.
[4] Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 28, 12. Juli 1941, Handelsregister Kattowitz, 30. Juni 1941.
[5] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389258, NI-12010: Erklärung unter Eid des Günther Falkenhahn vom 30. September 1947, S. 4. Nuremberg War Crime Trials Case VI roll 17 NI-6236: Erklärung unter Eid des Heinrich Bütefisch (Lebenslauf) im April 1947, S. 3.
[6] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 17, NI-8005: Erklärung unter Eid des Otto Ambros (Lebenslauf).
[7] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 63, Bü94: Erklärung unter Eid des Reinhard Goldberg zur Fürstengrube vom 4. April 1947.
[8] Richard Gdynia: bis 1945 Direktor der Deutschen Bank Hauptfiliale Kattowitz, Oktober 1953–1956 Verwaltungsrat bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau.
[9] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, Roll 45, LXXI, NI-12015: Auszug mit Namen der Aufsichtsratsmitglieder der Fürstengrube GmbH.
[10] Günther Falkenhahn: * 4. Juli 1887 in Milowice bei Sosnowiec, Abitur am fürstlichen Gymnasium in Pless, Studium des Bergbaus in Bonn, Juni 1912 Bergreferendar, Soldat im Ersten Weltkrieg, 13. Juli 1920 Bergassessor, Führungspositionen in verschiedenen Bergwerks- und Hüttenbetrieben, 1933 Vorsitzender des Oberschlesischen Berg- und Hüttenvereins in Gleiwitz, 1934 Leiter der Bezirksgruppe Steinkohlenbergbau Oberschlesien, 1935 Präsident der Oberschlesischen IHK in Oppeln, 1. Juni 1937 NSDAP-Mitglied, 1939/1940 Präsident der IHK Kattowitz, 1940–1945 Vorstand Fürstlich Plessischer Bergwerks-AG, 1941–1945 Geschäftsführer der Fürstengrube GmbH, 1943 stellv. Aufsichtsratsvorsitzender der Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober Lazisk, Mitglied der Leitung der Reichsvereinigung Kohle. In: Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940, kommentierte Edition. Paderborn Verlag Ferdinand Schöningh, 2013, S. 419 f.; Hoppenstedt: Handbuch der deutschen AG, 1943, S. 236; Landesarchiv NRW R NW 1005-G.3 Sign. 311: Entnazifizierungsakte Günther Falkenhahn.
[11] Ferdinand Dinter, * 4. Dezember 1889 in Beuthen/Oberschlesien, März 1909 Abitur an Gymnasium in Beuthen, 1910–1914 Studium in München und Berlin, 1914–1918 Soldat, 2. September 1918 Bergreferendar, 10. Oktober 1921 Bergassessor, 1922–1934 Bergwerksdirektor mehrerer Bergwerke des Fürsten von Pless, 1935 entlassen (als Besitz des Fürsten von Pless in polnische Zwangsverwaltung genommen wurde), 1935–1936 Heiztechniker, 1936–1939 Geschäftsführer einer Kohlenhandelsgesellschaft, 1939–1943 Bergwerksdirektor bei der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG (dienstverpflichtet), 1943–1944 nach Unfall und Krankheit Verwaltungstätigkeit bei demselben Arbeitgeber. In: Landesarchiv NRW R NW 1037 22577: Entnazifizierungsakte Ferdinand Dinter.
[12] Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 31, 2. August 1941, Handelsregister Kattowitz, 19. Juli 1941.
[13] Wilhelm Düllberg: * 4. Juni 1902 in Unna, Mai 1930 Bergassessor, 1930–1939 Steiger, bergmännischer Sachbearbeiter, 1939 Prokurist, 1939–1941 Grubenleiter Friedensgrube der Ballestrems in Gleiwitz, 1941–1945 Bergwerksdirektor Fürstengrube. In: Entnazifizierungsakte Wilhelm Düllberg, LA NRW R NW 1035 3405; Nuremberg War Crime Trials, Case VI, roll 13, S. 12599: Befragung Wilhelm Düllberg am 27. April 1948.
[14] Deutscher Reichsanzeiger vom 02.02.1942, Nr. 27, Zentralhandelsregisterbeilage, S. 2.
[15] Deutscher Reichsanzeiger vom 4. August 1942, Nr. 179, 1. Beilage, S. 4.
[16] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389148: Tabelle Steigerung der Förderleistung von Fürstengrube und Piast-Schächten 1943–1945, 24. Juli 1941.
[17] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, S. 47.
[18] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, Tabellen 4 und 5 Arbeitseinsatz, S. 8.
[19] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, S. 11 f. und S. 14.
[20] BArch R9363/37: Mitteilung des Oberlagerführers vom 1. September 1944 an die Fürstengrube GmbH.
[21] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 29, NI-12014: Besuchsbericht Janina vom 2. Februar 1942.
[22]
[23] BArch R144/126: Schreiben der Haupttreuhandstelle Ost Abt. III vom 28.12.1942 an den kommissarischen Verwalter Trenczak zwecks Abberufung.
[24] BArch R144/101 Vermerk des Bergrats Tessmar vom 7. Oktober 1942 zum Verkauf der Grube Janina durch die HTO.
[25] Nuremberg War Crimes Trials, Case 6, roll 8, S. 477, NI-8258.
[26] Nuremberg War Crimes Trials, Case 6, roll 63, S. 325, Bü207.
[27] BArch R9363/38: Notarielle Urkunde Nr. 2695 der Urkundenrolle für 1943: Kaufvertrag vom 10. Dezember 1943.
[28] BArch R9363/38 Urkunde 184 der Urkundenrolle für 1944 Änderung Stichtag Verkauf von 1. Oktober 1942 auf 1. Januar 1943.
[29] Auch wenn der Vertrag noch der Genehmigung durch den Leiter der Haupttreuhandstelle Ost bedurfte (§ 11), erscheint er hinsichtlich der Zeichnungsberechtigung der beteiligten Personen und einzelner Regelungen wie der Höhe und der zinslosen Stundung des Kaufpreises als umfassend erklärungsbedürftig, wenn nicht sogar als aus rechtlicher Sicht nichtig.
[30] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 10, 1967, S. 41.
[31] Laatz: Hermann Kleemann, S. 11.
[32] BArch R144/95: Vermerk von Rechtsanwalt Löhlein/HTO vom 16. September 1942 zum Verkauf der Grube Janina an die IG Farben.
[33] BArch R144/172: Vermerk vom 28. Mai 1943 über eine Besprechung zwischen dem Geschäftsführer der Fürstengrube GmbH Günther Falkenhahn mit dem für die Branche Bergbau zuständigen Gruppenleiter Bergrat Werner Tessmar in Abt. III der Haupttreuhandstelle Ost.
[34] BArch R144/172: Vermerk von Bergrat Tessmar vom 28. Mai 1943 zur Situation in der Grube Janina.
[35] Arolsen Archives Sign. 9053600 DocID 82349637: Übersicht über die im September 1943 zum KL Janinagrube abgestellten Häftlinge.
[36] Arolsen Archives, Sign. 9053600, DocID 82349636: Forderungsnachweis für Häftlinge Janinagrube für September 1943.
[37] Nuremberg War Crime Trials, Case VI, roll 29, NI-11956: Bericht über die Kriegsereignisse in und um Auschwitz vom 13. bis 24. Januar 1945, S. 5.
[38] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389148: Tabelle Steigerung der Förderleistung von Fürstengrube und Piast-Schächten 1943–1945, 24. Juli 1941.
[39] Archiwum-Panstwowe-w-Katowicach 12/120/708/15: Lageplan Lager Piast, Günther I und Günther II. Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389067: Schreiben vom 18. September 1942 zur Ankunft von 350 russischen Kriegsgefangenen und 202 Juden.
[40] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389108-09: Nachweis der Belegungsstärke der einzelnen Lager der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG am 1. Juli und 1. August 1944.
[41] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389071: Niederschrift über die Prüfung des Lagers Günther I vom 23. März 1943.
[42] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389094.
IG Farbenindustrie AG
siehe auch
- Fürstengrube GmbH
- KZ Fürstengrube
- KZ Janinagrube
- KZ Günthergrube
- Elektro AG für angewandte Elektrizität
Konzentrationslager Fürstengrube
Das KZ Fürstengrube, auch Lager Süd genannt, war mit maximal 1.300 KZ-Häftlingen eines der größeren Außenlager des KZ Auschwitz. [1] Es befand sich in Fürstengrube (polnisch Wesoła), 5 km südwestlich von Myslowitz in Oberschlesien, von dem Wesoła heute ein Stadtteil ist. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Lager Süd gab es noch das Lager Nord für sowjetische Kriegsgefangene und das Lager Ostland für Ostarbeiter und Italiener. [2]
Die Errichtung erfolgte im September 1943 als Zwangsarbeitslager für das Steinkohlenbergwerk Fürstengrube, das sich im Eigentum der Fürstengrube GmbH befand. Die Leitung des Konzentrationslagers übernahm von September 1943 bis März 1944 der SS-Hauptscharführer Otto Moll und danach, bis zur Evakuierung des Lagers am 19. Januar 1945, Max Schmidt.
Herbert Rosenberg, Juwelier aus Berlin, wurde 1943 mit Frau und Kind nach Auschwitz deportiert. Er überlebte, während seine Familie in Auschwitz-Birkenau vergast wurde, und konnte nach dem Krieg über den Tagesablauf in KZ und Bergwerk Fürstengrube berichten: [3] Der Arbeitsalltag begann um 3 Uhr morgens. Gegen 6 Uhr wurde in die Grube eingefahren. Unter Tage wurden die Häftlinge nicht von der SS, sondern von Steigern und Obersteigern kontrolliert. Gewalt war auch unter Tage üblich, um die Forderungen nach einem höheren Arbeitstempo durchzusetzen. Es kam durchaus vor, dass Eisenstücke nach den Häftlingen geworfen wurden. Die Häftlinge erhielten für die Arbeit unter Tage keine brauchbare Schutzkleidung. Nach 8 Stunden ununterbrochener Arbeitszeit konnten die Häftlinge die Stollen wieder verlasen. Auch über Tage waren diverse Bauarbeiten zu erledigen. Meldungen der Steiger wurden von der Werksleitung an die SS weitergegeben, aber zuvor nicht auf ihre Richtigkeit geprüft, sodass es zu völlig willkürlichen Bestrafungen der Häftlinge kam. Prügelstrafen waren an der Tagesordnung. Bei einem Defekt der Grubenlampe drohte der Essensentzug. Bei der SS beliebt war die sogenannte Feuerwehr: Den Häftlingen wurde die Nase zugehalten und mit einem Feuerwehrschlauch in den Mund gespritzt. Tagsüber hatten sich die Häftlinge bei jedem Wetter im Freien aufzuhalten. Die Verpflegung war unzureichend. Das Essen war auch bei Regen oder Schnee im Freien einzunehmen. Kleidung zum Wechseln wurde nicht ausgegeben.
Die Sterblichkeit der Häftlinge war infolge schwerer Arbeit, mangelhafter Ernährung, Unfällen, Krankheiten, Bestrafungsaktionen und Selektionen hoch. Die Überlebensdauer der Häftlinge schwankte zwischen einigen Wochen und mehreren Monaten. Genannt werden Schätzungen von 25.000 bis 30.000 Toten für Fürstengrube, Günther-Grube und Janina-Grube zusammen. Exakte Zahlen ließen sich bisher nicht ermitteln.
Am 19. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager wegen der herannahenden Roten Armee geräumt. Unter SS-Oberscharführer Max Schmidt wurden die 1.283 Gefangenen auf einen Todesmarsch geschickt, der in Fürstengrube mit einer Erschießungsaktion begann und über die Zwischenstationen KZ Mittelbau und Lübeck zunächst in das schleswig-holsteinische Ahrensbök, den Heimatort des Lagerleiters, führte. Die überlebenden 400 Häftlinge wurden Anfang Mai über Neustadt/Holstein auf das Schiff Cap Arcona gebracht, die am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht von Flugzeugen der Alliierten versenkt wurde.
Das Schicksal der zurückgebliebenen Häftlinge wurde von dem ehemaligen Häftling B13511, Rudolf Ehrlich, in seiner Aussage am 9. Mai 1945 [4] beschrieben: In der Lazarettstation blieben rund 250 kranke Häftlinge, die den Marsch nach Westen nicht antreten konnten, ohne Aufsicht eingesperrt hinter dem elektrisch geladenem Hochspannungsdraht der Umzäunung zurück. Am Nachmittag des 27. Januar 1945 erreichten 20 SS-Männer das Lager. Sie befahlen den Häftlingen, die Betten zu verlassen und eine Holzhütte auf dem Gelände aufzusuchen. Nur 127 waren dazu fähig. Diese sollten sich in der Holzhütte direkt in die Fensteröffnungen stellen. Die SS schoss in die geöffneten Fenster und warf wohl auch Handgranaten. Anschließend brachten die SS-Männer Strohmatratzen in die Holzhütte und zündeten diese an, um die Hütte niederzubrennen. Gefangene, die sich noch bewegten, wurden sofort beschossen. Zeitgleich wurden Strohmatratzen in die Unterkunft der bettlägerigen Häftlinge geschafft und auch diese angezündet. Die schwerkranken Häftlinge verbrannten bei vollem Bewusstsein. Von den ca. 250 Häftlingen überlebten 14 schwerverletzt. Polnische Miliz brachte sie am 7. Februar 1945 in das Lazarett Myslowice.
Bekannte Lagerinsassen waren die Komponisten Gideon Klein und Daniel Belinfante. Der Autor Sam Pivnik gibt in seinen Memoiren einen detaillierten Einblick in den Lageralltag des KZ Fürstengrube, den Todesmarsch und den Untergang der Cap Arcona.
Literatur
- Lange, Wilhelm: Cap Arcona: Das tragische Ende einiger Konzentrationslager-Evakuierungstransporte im Raum der Stadt Neustadt in Holstein am 3. Mai 1945. Eutin: Verlag Struve, 1988.
- Stefan Hörner: „Die in Auschwitz sterben mussten, haben andere auf dem Gewissen...“ Projektion. Rezeption und Realität der I.G. Farbenindustrie AG im Nürnberger Prozess, Dissertation, Berlin 2010.
- Jörg Wollenberg: Heimatliches aus Ostholstein. Von Ahrensbök nach Auschwitz – von Auschwitz nach Ahrensbök: Die Erinnerungsmale einer norddeutschen Kleinstadt. In: Der Freitag. 25. Januar 2002.
- Stanislawa Iwaszko: Auschwitz/Fürstengrube. In: Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Band 1. Hrsg. vom United States Holocaust Memorial Museum, 2009 (englisch).
- Sam Pivnik: Der letzte Überlebende. Wie ich dem Holocaust entkam. Darmstadt: Konrad Theiss Verlag, 2017.
Einzelnachweise
[1] Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos gemäß § 42 Abs. 2 BEG Nr. 433, Fürstengrube = Kopalnia Fürsten, Gemeinde Wesola/Schlesien, 2. September 1943 bis 29. Januar 1945.
[2] Hörner: Auschwitz haben andere auf dem Gewissen, S. 173.
[3] Hörner: Auschwitz haben andere auf dem Gewissen, S. 169 f. mit Verweis auf BArch AllProz 2 NI 11654: Erklärung unter Eid von Herbert Rosenberg.
[4] Hörner: Die in Auschwitz sterben mussten, S. 174 mit Verweis auf BArch Koblenz, AllProz 2 NI 11653.
Konzentrationslager Günthergrube
Das Konzentrationslager Günthergrube wurde im Februar 1944 erstmals mit Häftlingen aus dem KZ Auschwitz belegt. Der Standort des Lagers befand sich in der Nähe der im Bau befindlichen Schachtanlage Günther in Lędzińy (deutsch Lendzin), Polen. Das Lager war eins von 47 Nebenlagern des KZ Auschwitz.
Kohle wurde in Lędzińy bis Kriegsende über die Piast-Schächte gefördert. Da das Baufeld des Steinkohlebergwerks Henryk (alte deutsche Bezeichnung Heinrichsfreude bis 1923), zu dem die Piast-Schächte damals gehörten, über diese Schächte nicht vollständig erschlossen werden konnte, wurde mit der Errichtung einer zweiten Schachtanlage „Günther“ auf einem etwa 2,5 km Luftlinie entfernten, südlich gelegenen Grundstück begonnen. Teufbeginn für diese Schachtanlage war der 2. Oktober 1942. Es gelang jedoch bis Kriegsende nicht, die Förderung über Schacht Günther aufzunehmen.
Das Bergwerk wurde durch die Fürstlich Plessische Bergwerks AG im Auftrag der Haupttreuhandstelle Ost verwaltet. Die Piast-Schächte wurden ab 1941 von der Fürstengrube GmbH, einem Unternehmen der IG Farben und der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG, betrieben.
1941 plante die IG Farben, die Förderleistung der alten und neuen Schächte auf zunächst 62.000 Tonnen Kohle pro Monat im Juli 1943 und durch Zubau weiter auf 187.000 Tonnen pro Monat Ende 1945 zu erhöhen. [1] Die Kohlesorten Schwelnüsse und Energiekohle waren für das Bunawerk und die Synthesetreibstoffherstellung der IG Farben am Standort Auschwitz sowie die Stromproduktion im Kraftwerk Ober-Lazisk der Elektro AG für angewandte Elektrizität verplant.
An allen Schachtstandorten bestand ein hoher und gegenseitig konkurrierender Bedarf an Arbeitskräften für den Anlagenbetrieb und Bauleistungen. Arbeitskräfte wurden in Lędzińy auch angefordert von Unternehmen wie der Schüchtermann & Kremer-Baum AG für Aufbereitung, eine Dortmunder Maschinenbaufabrik, die Anlagen zur Kohleaufbereitung herstellte, montierte und in Betrieb nahm, und der Beton-Monteur Bau aus Bytom. [2]
In der Nachbarschaft der Schachtanlage Piast existierten ab 1942 mehrere
Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter: Lager Wolga Schacht I für sowjetische Kriegsgefangene und jüdische Zwangsarbeiter, Lager Eintracht für Zwangsarbeiterinnen und Lager R188 für sowjetische Kriegsgefangene. 1943 wurden die vorhandenen Standorte im Zuge von Erweiterungsplanungen umbenannt. Das Lager Günther I (ehemals Lager Wolga Schacht I) war am 19. März 1943 mit etwa 400 Polen und Ostarbeitern belegt. [3] Am 1. Juli 1944 waren im Lager Günther I 44 Polen und 358 Ostarbeiter, im Lager Günther II (ehemals Lager Eintracht) 221 Polen und 36 Deutsche sowie im Lager Piast (ehemals Lager R188) 459 sowjetische Kriegsgefangene untergebracht. [4]
Lager Heimat
1942 wurde in Lędzińy das Arbeitslager „Heimat“ errichtet. Im Januar 1944 wurden die polnischen Häftlinge verlegt und das Lager für erste Häftlinge des KZ Auschwitz-Monowitz ab 1. Februar 1944 hergerichtet. [5] Es war für die befristete Unterbringung von etwa 300 KZ-Häftlingen bis Juni 1944 vorgesehen. [6]
KZ Günthergrube (Lager Günther III)
Nahe der Schachtanlage Günther wurde 1944 ein Massivbarackenlager mit dem Namen Günther III errichtet, das ab Juni 1944 die meisten Zwangsarbeiter aus dem Lager Heimat aufnahm und mit bis zu 1.500 KZ-Häftlingen belegt werden sollte. [7] Das neue Lager war mit einer 3 m hohen Ziegelsteinmauer mit Stacheldraht umgeben. [5] In den Ecken des quadratischen Lagerkomplexes standen gemauerte Wachtürme. Innerhalb wurden 10 gemauerte Ziegelbaracken für die Häftlinge, die Lagerküche, Abort und Baderaum, Häftlingskrankenbau und Magazine errichtet. [5] Eine kleinere Steinbaracke am Lagereingang bezog die SS-Wachmannschaft. Vom Lager Günther III sind heute noch der Eingangsbereich, die Umfassungsmauer und einige der Steinbaracken zu sehen.
Von Februar bis Juni 1944 war der Kriminelle und Auschwitzer Funktionshäftling Nr. 6 Bernhard Bonitz Lagerältester. [8] Sein Nachfolger wurde der Widerstandskämpfer und Antifaschist Ludwig Wörl.
Die Häftlinge waren zwei Arbeitskommandos zugeteilt. Das Arbeitskommando I mit etwa 120 Häftlingen arbeitete in den Piast-Schächten und in der Günthergrube, aber auch für Fremdfirmen bei Bedarf. [9] Die Häftlinge des Arbeitskommandos II waren zunächst mit dem Bau des neuen Lagers Günther III beschäftigt und anschließend mit der Errichtung der neuen Schachtanlage Günther. [10]
Zwei Fluchtversuchen sind überliefert. [11] Erfolgreich war die Flucht des Szymon Lewenstein am 1. März 1944. Die Flucht von fünf jüdischen Häftlingen im April oder Mai 1944 endete tragisch mit der Sammelhinrichtung im KZ Günthergrube in Anwesenheit aller KZ-Häftlinge.

Wachpersonal
Zur Bewachung des Lagers Günther III wurden etwa 40 SS-Wachmänner der 3. Wachkompanie des SS-Totenkopf-Sturmbann KZ Auschwitz-Monowitz abkommandiert.
Die Verwaltung des Nebenlagers Günther III oblag der Kommandantur des Konzentrationslagers Auschwitz III in Monowice. [12] Im Februar 1944 wurde der SS-Unterscharführer Alois Wendelin Frey, zuvor Blockführer im KZ Auschwitz III, zum Leiter des KZ-Lagers Günther III ernannt. [13] Er war als Sadist und Schläger bekannt. [14] Küchenchef war der SS-Unterscharführer Thomas Stannosek, von Beruf Fleischermeister. [15] Nach seiner Verhaftung im Juli 1944 wurde der gelernte Zimmermann SS-Rottenführer Adam Schepp Nachfolger als Küchenchef. [16] Der Lagerarzt aus Monowitz, SS-Obersturmführer Horst Fischer war Verantwortlicher für den Gesundheitszustand der Häftlinge. [17]
Räumung im Dezember 1944 und Januar 1945
Die Räumung des KZ Günthergrube begann im Dezember 1944 mit dem Abtransport einer kleinen Gruppe polnischer Zwangsarbeiter über Auschwitz-Birkenau zum KZ Buchenwald. [18] Am 18. Januar 1945 verließen die letzten Häftlinge das Lager. [19] Etwa 560 Häftlinge marschierten nach Gliwice (Gleiwitz), wo sie am 20. Januar ankamen. Am nächsten Tag wurden offene Eisenbahnwaggons für den Weitertransport mehrerer zwischenzeitlich vereinigter Marschkolonnen mit insgesamt 2.500 Häftlingen bereitgestellt. Die Fahrt endete am Bahnhof Rzędówka (Egersfeld) nahe Rybnik. Auf und nahe dem Bahnhofsgelände fand man später 331 Häftlingsleichen. In Begleitung einer Gruppe von SS-Männern, kommandiert durch den SS-Unterscharführer Karl Kurpanika, marschierten die überlebenden Häftlinge in Richtung Racibórz (Ratibor). Bei einem zwischenzeitlichen Fluchtversuch wurden zahlreiche Häftlinge erschossen. Im Stadion Rybnik sollen weitere 292 Häftlinge erschossen worden sein.
Bekannte Insassen waren Marcel Jabelot (1924–1999), ein französischer Widerstandskämpfer, und Ludwig Wörl (1906–1967), deutscher Widerstandskämpfer, Gerechter unter den Völkern. [20]
Erinnerung
Auf dem früheren Weg zum ehemaligen Lagergelände Heimat wurde 1964 ein Gedenkstein von Mitarbeitern der Bergwerks Piast errichtet.
Literatur
- Tadeusz Iwaszko: Das Nebenlager Günthergrube. Hefte von Auschwitz, 1971, Nr. 12, S. 113–144.
- Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Personenlexikon. Frankfurt am Main: Fischer E-Books 2013.
Einzelnachweise
[1] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389148: Tabelle Steigerung der Förderleistung von Fürstengrube und Piast-Schächten vom 24. Juli 1941.
[2] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 133.
[3] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389071: Niederschrift über die Prüfung des Lagers Günther I vom 23. März 1943.
[4] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389108-09: Nachweis der Belegungsstärke der einzelnen Lager der Fürstlich Plessischen Bergwerks AG am 1. Juli und 1. August 1944.
[5] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 118.
[6] Ebd., S. 118 und 124.
[7] Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389094: Schreiben an das Generalreferat für Raumordnung beim Regierungspräsidenten Kattowitz von März 1943 zum Bau eines Barackenlagers.
[8] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 127. Ernst Klee: Auschwitz Personenlexikon. S. 261.
[9] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 131.
[10] Ebd.,, S. 133.
[11] Ebd., S. 138 ff.
[12] Ebd., S. 120.
[13] Ernst Klee: Auschwitz Personenlexikon. S. 127.
[14] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 121 f.
[15] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 121 f. Ernst Klee: Auschwitz Personenlexikon. S. 2358.
[16] Ernst Klee: Auschwitz Personenlexikon. S. 2114.
[17] Tadeusz Iwaszko: Günthergrube, S. 130.
[18] Ebd., S. 141.
[19] Ebd., S. 141 ff.
[20] Ludwig Wörl, in: Yad Vashem:
Die Geschichten von sechs Gerechten unter den Völkern in Auschwitz, abgerufen am 9. Januar 2025.
Konzentrationslager Janinagrube
Das Konzentrationslager Janinagrube lag in Libiąż Mały, Polen, in Sichtweite des Steinkohlebergwerks Gute Hoffnung. Vor der deutschen Besatzungszeit war das Steinkohlebergwerk unter dem Namen Janina bekannt. Das KZ Janinagrube war vom 4. September 1943 bis zum 17. Januar 1945, einige Tage vor der Befreiung von Auschwitz, ein Nebenlager des KZ Auschwitz.
Anfang 1942 lag die Förderleistung nach Angaben der Grubenleitung bei etwa 1.200 Tonnen pro Tag bzw. 400.000 Tonnen Steinkohle pro Jahr bei einer Belegschaft von 1126 Polen, etwa 150 britischen Kriegsgefangenen und 20 Deutschen. [1] Allerdings sei die Grube wegen Absatzproblemen aufgrund Überangebots an Kohlen nur an zwei bis drei Tagen in der Woche in Betrieb.
Auf Anordnung der Haupttreuhandstelle Ost wurde die Galizische Bergwerksgesellschaft zum 1. Januar 1943 in die Verfügungsgewalt der Fürstengrube GmbH eingewiesen und der bisherige kommissarische Verwalter Ladislaus Franz Trenczak abberufen. [2] In den Monaten nach der Übernahme durch die Fürstengrube GmbH wurden erhebliche Probleme offensichtlich, die eine Steigerung der Förderleistung der Grube Janina behinderten. Es fehlten vor allem Arbeitskräfte, um die Vorrichtungsarbeiten ausreichend voranzutreiben und eine weitere Sohle einzurichten. [3] Im September 1942 unterschrieb der kommissarische Verwalter der Janinagrube einen Vertrag mit dem Kriegsgefangenenlager Lamsdorf (Stalag VIII B) über die Überlassung von 200 Kriegsgefangenen für Arbeiten im Untertagebetrieb der Janinagrube. [4] Das
Lager Janinagrube lag etwa 400 m Luftlinie entfernt in nordwestlicher Richtung am Ende einer Gruben-Wohnkolonie beidseitig der Straße Obieżowa in Libiąż. Es war bis zum 20. August 1943 ein Lager für etwa 150 britische Kriegsgefangene (Lager 562), die zahlreich Scherereien machten und häufiger die Arbeit verweigerten. [3, 5, 6] Die Gründe für das selbstbewusste Auftreten könnten in ihrer Homogenität und inneren Organisation als Gruppe gelegen haben: dieselbe Sprache, gemeinsame Erlebnisse und die militärische Rangordnung förderten das kollektives Auftreten in Kriegsgefangenschaft. [7] Ihre Produktivität genügte allerdings nicht und ließ sich von der Grubenleitung auch nicht erzwingen. Am 16. Juli 1943 besichtigte der Leiter des Konzentrationslagers Auschwitz SS-Obersturmbannführer Rudolf Höß das Lager der Janinagrube zusammen mit Walter Dürrfeld (Prokurist des IG Farben-Werks Auschwitz) und Wilhelm Düllberg (Prokurist der Fürstengrube GmbH). [8] Es wurde vereinbart, dass die Kriegsgefangenen so schnell wie möglich zurückgegeben werden sollen und dass das Lager für die Belegung mit 900 KZ-Häftlingen aus dem Konzentrationslager Auschwitz bis Jahresende ausgebaut wird. Die Kriegsgefangenen wurden auf Betreiben der Fürstengrube GmbH am 20. August 1943 abtransportiert [9]
Das KZ Janinagrube wurde am 4. September 1943 mit 282 Häftlingen aus dem KZ Auschwitz belegt. [10] Erste Aufgaben waren der Bau eines doppelten und elektrisch geladenen Zauns um eine rechteckige Fläche von 15.000 Quadratmetern und neuer Baracken sowie die Nivellierung des Geländes. [11] An den vier Ecken des Geländes standen hölzerne Wachtürme. Auf den Einzäunungspfählen und an den ins Lager gerichteten Fenstern waren elektrische Scheinwerfer montiert.
Etwa 400 Häftlinge waren in einem Steingebäude und jeweils 150 bis 200 Häftlinge in drei Holzbaracken untergebracht. Küche, Lebensmittellager, Krankenbau, Waschräume und Latrine befanden sich in weiteren Baracken. [12]

Lageplan KZ Janinagrube, 1944
Die Arbeit in der Grube Janina erfolgte in drei Schichten mit jeweils 250 Häftlingen. Diese wurden vorwiegend unter Tage bei der Vorrichtung, beim Kohleabbau und -transport in den Schächten Viktor, Alexander und Sigmund und zur Hilfsbedienung von Antriebsmaschinen eingesetzt.[13] [13] Die Arbeit war anstrengend und gefährlich. Sicherungsmaßnahmen wurden unterlassen. Schutzkleidung fehlte. Die Essensversorgung war absolut unzureichend. In der Regel konnte ein Häftling die hohe Arbeitsbelastung nicht länger als einen Monat aushalten. [14]
Häftlinge wurden vom beaufsichtigenden Grubenpersonal misshandelt. Besonders sadistisch verhielten sich die Obersteiger Wimert und Kulas, die Häftlinge wegen aus ihrer Sicht unzulänglicher Arbeit bis zur Besinnungslosigkeit und sogar zu Tode schlugen. [15] Ähnlich verhielten sich die Steiger Balzarek, Gonschorek, Pawlitza, Marx und Kleiner. Auch der Grubendirektor Kröger misshandelte Häftlinge. Ein junger Holländer beispielsweise hatte durch Tritte des Mineninspektors Balzarek einen Schädelbruch und einen Milzriss erlitten. [14]
Während der ersten drei Monate September bis November 1943 sank die Zahl der zur Arbeit abgestellten und abgerechneten Häftlinge im Lager an 6 Tagen auf weniger als 100 Häftlinge. [16] Dies könnte ein Hinweis auf Selektionen sein.
Kranke wurden im
Häftlingskrankenbau
behandelt. Als Arzthäftlinge arbeiteten die Tschechoslowaken Erich Orlik [17] (Häftlings-Nr. 69826) und der Chirurg Walter Löbner [18] (Häftling Nr. 70096), letzterer ab Frühjahr 1944 zusätzlich im Lager wegen der häufigen Unfälle und Gewalteinwirkungen mit vorwiegend Knochenbrüchen, Quetschungen, Gehirnerschütterungen, Schädelbrüchen und Nierenrupturen. [14] Neben Lungenleiden, Nierenleiden, Hungerödemen aufgrund Eiweißmangel und Darmleiden waren auch Infektionskrankheiten (Scharlach, Meningitis, Diphtherie, Typhus) zu behandeln. [14] Sanitäter war der deutsche Häftling Max Buchhalter. Als Zahnarzthäftling betätigte sich der französische Häftling Ladislaus Broad.

Belegung KZ Janinagrube August 1943 - Januar 1944
Die Fürstengrube GmbH musste ab dem 6. September 1943 für den Einsatz der Facharbeiter unter den Häftlingen 6 RM pro Tag und für den Einsatz der Hilfsarbeiter 4 RM pro Tag an die SS bezahlen. [19]
Die Wachmannschaft wurde von etwa 50 SS-Wachmännern der 3. Wachkompanie des KZ Auschwitz-Monowitz bewachten das KZ Janinagrube. [20] Gefürchtete Wachmänner waren die SS-Rottenführer Josef Draschner und Heinrich Niemeyer. Als Lagerleiter des KZ Janinagrube fungierten der SS-Unterscharführer Franz Baumgartner [21] ab September 1943, [22] der SS-Oberscharführer Hermann Kleemann, genannt „Revolverking“, [23] von März bis September 1944 und zuletzt der SS-Unterscharführer Rudolf Kamieniczny bis zur Evakuierung des Lagers am 18. Januar 1944. Der SS-Unterscharführer Max Uhlig leitete die Lagerküche. [24] Sanitätsdienstgrade waren der SS-Oberscharführer Ludwig, der SS-Schütze Vohland und der SS-Unterscharführer Hans Nierzwicki, 1963 im Frankfurter Auschwitz-Prozess wegen vielfachen Mordes angeklagt. [25] Bei Arbeitsunfähigkeit eines Häftlings erfolgte in der Regel ein Rücktransport nach Auschwitz zur Vergasung. [26]
Ein bekannter Insasse war der Häftling Kurt Brüssow (Häftling Nr. 16642) [27]
Die Räumung begann am 6. Dezember 1944. 250 Häftlinge „arischer“ Abstammung wurden mittels Eisenbahntransporten in die Lager Buchenwald und Mauthausen verlegt. [28] Am 17. Januar 1945 befanden sich 853 Häftlinge im Lager. Am 18. Januar 1945 begann der Todesmarsch von etwa 800 Häftlingen zum KZ Groß-Rosen ohne ausreichende Lebensmittel oder Kleidung gegen die Kälte. [28] Nach 18 Tagen hatten nur 200 Häftlinge in äußerst erschöpftem Zustand den Marsch überlebt. Sechzig marschunfähige Häftlinge blieben im Lager zurück und wurden am 25. Januar 1945 befreit.
Zur Erinnerung an das KZ Janinagrube wurde 1965 ein Mahnmal an der Straße Obieżowa in Libiąż Mały errichtet.
Literatur
- Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. 1967, Nr. 10, S. 41–65.
- Tim Laatz, Dominik Maik, Jelle Christian Reinhard und Julian Muxfeldt: Hermann Kleemann – oder die Selbstwahrnehmung eines Mörders. Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt 2021.
- Geoffrey P. Megargee: The United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Volume I: Early Camps, Youth Camps, and Concentration Camps and Subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA). Indiana University Press, Bloomington 2009.
- Bernd C. Wagner: IG Auschwitz. Zwangsarbeit und Vernichtung von Häftlingen des Lagers Monowitz 1941–1945. München 2000.
Einzelnachweise
[1] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 29, NI-12014: Besuchsbericht Janina vom 2. Februar 1942.
[2] BArch R144/126: Schreiben der Haupttreuhandstelle Ost Abt. III vom 28.12.1942 an den kommissarischen Verwalter Trenczak zwecks Abberufung.
[3] BArch R144/172: Vermerk von Bergrat Tessmar (Gruppenleiter in Abteilung III der Haupttreuhandstelle Ost) vom 28. Mai 1943 zur Situation in der Grube Janina.
[4] BArch R9363/38: Schreiben des Stalag VIII B vom 4. März 1943 an den kommissarischen Verwalter der Janinagrube mit Anlage: Vertrag vom 11. September 1942 bzw. 9. Januar 1943 über die Überlassung von 200 Kriegsgefangenen.
[5] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 81, NI-10512, S. 13 und NI-10529, S. 20: Briefe des Grubendirektors Kröger an das Lagerkommando für englische Kriegsgefangene.
[6] BArch R9363/38 Beschwerde des Betriebsleiters Kröger vom 6. Juli 1943, 12. Juli 1943 und 18. August 1943 an das Wachkommando des Kriegsgefangenenlagers. BArch R9363/37: Vermerk von Düllberg vom 15. Juli 1943 zum Verhalten der englischen Kriegsgefangenen. BArch R9363/37: Schreiben Düllberg an Landesschützenbataillon 515 vom 16. Juli 1943 mit der Bitte, dass das Wachkommando energisch und erbarmungslos durchgreifen möge.
[7] Wagner: IG Auschwitz. Zwangsarbeit und Vernichtung von Häftlingen des Lagers Monowitz 1941–1945. München 2000, S. 241.
[8] BArch R9363/37: Aktenvermerk vom 28. Juli 1943 zur Besichtigung der Fürsten- und Janinagrube durch Höss, Dürrfeld und Düllberg am 16. Juli 1943.
[9] Nuremberg War Crimes Trials, Case 6, roll 45, NI-10531: Telegramm des Betriebsleiters vom 18. August 1947 an Stalag VIII B in Lamsdorf mit der Forderung, die Kriegsgefangenen sofort zu übernehmen.
[10] Arolsen Archives Sign. 9053600 DocID 82349637: Übersicht über die im September 1943 zum KL Janinagrube abgestellten Häftlinge.
[11] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 48.
[12] Megargee: USHMM-Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Volume I, S. 254. Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 50.
[13] StA Hannover: Strafverfahren gegen Niemeier, Kleemann u. a. wegen Mordes. NLA HA, Nds. 721 Hannover Acc. 2007/082 Nr. 5, S. 258–259 und Nr. 8, S. 54–55. Megargee: USHMM-Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Volume I, S. 254. Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 57.
[14] Nuremberg War Crimes Trials. Case VI, roll 45, S. 499 ff., NI-12385: Eidesstattliche Erklärung von Erich Orlik am 18. Juni 1947 zur Situation in der Janinagrube.
[15] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 63.
[16]Arolsen Archives, Sign. 9053600, DocID 82349636 bis 82349641: tägliche Zahl der vom KZ Janinagrube zur Arbeit abgestellten und per Forderungsnachweis abgerechneten Häftlinge in den Monaten Sept. bis Nov. 1943. Häftlinge im Krankenbau sind in diesen Zahlen nicht erfasst.
[17] Erich Orlik, am 7. Mai 1942 verhaftet, in Prag, Theresienstadt, Mauthausen, Auschwitz I, Budy und ab 5. September 1943 im KZ Janinagrube als Arzthäftling inhaftiert.
[18] Walter Löbner, * 27. Januar 1903 in Heřmanova Huť/Tschechien; † 18. August 1989 in Haifa/Israel. Bis zur Annexion des Sudetenlandes durch die Deutschen 1938 war Löbner Arzt und Chirurg in Marienbad. Er verheimlichte seine antifaschistischen Ansichten nicht und wurde deshalb im April 1939 verhaftet und in Prag, Sachsenhausen, Auschwitz, Budy und zuletzt ab Sommer 1944 im KZ Janinagrube inhaftiert. Nach dem Krieg arbeitete Löbner als Arzt und Direktor des Beckermann-Krankenhauses bei Oranienburg. Im Juli 1945 kehrte er nach Prag zurück und lernte seine zukünftige Frau Lily kennen. 1948 wanderte das Paar mit ihren Töchtern Aya und Dana nach Israel aus.
[19] Arolsen Archives, Sign. 9053600, DocID 82349636: Forderungsnachweis für Häftlinge Janinagrube für September 1943.
[20] Megargee: USHMM-Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Volume I, S. 255.
[21] Franz Baumgartner, * 29. März 1917 in Handlöd (Langeneck), Volksschule, Landwirt, Berufssoldat, ab 1. November 1938 Mitglied der Bewaffneten Verbände der SS, Angehöriger der Lagermannschaft im KL Auschwitz (zeitweise Blockführer), ab Herbst 1942 Lagerkommandant des Nebenlagers Kobier, ab September 1943 Lagerkommandant des Nebenlagers Janinagrube. Im Winter 1943/44 ließ SS-Unterscharführer Franz Baumgartner in zehn bis zwölf Fällen Häftlinge nackt zwischen den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun stellen, bis diese aufgrund von Frosteinwirkung zu Tode kamen. Seit dem 18. Januar 1945 vermisst.
[22] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 50 f.
[23] Ernst Klee: Auschwitz - Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. Frankfurt am Main, Fischer E-Books, 2013, S. 1245 f.
[24] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. In: Hefte von Auschwitz. Nr. 10, 1967, S. 51.
[25] Ebd., S. 55.
[26] Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 45, S. 462 ff., NI-11652: Eidesstattliche Erklärung von Walter Löbner am 18. Juni 1947 zur Situation in der Janinagrube.
[27] Kurt Brüssow (Häftling Nr. 16642), Jg. 1910, Schauspieler, seit 1937 mehrmals verhaftet, verurteilt nach § 175 RStGB, 1940 Moorlager Emsland, 1941 Auschwitz, 1943 zwangskastriert, 1944 Flossenbürg, befreit.
[28] Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Janinagrube. Hefte von Auschwitz, [1967], Nr. 10, S. 65.
