Online-Portal zur Geschichte derHaupttreuhandstelle Ost (1939-1945)- Dokumentation eines Raubzugs -
Einführung
Die Haupttreuhandstelle Ost (HTO) war eine deutsche Behörde des Vierjahresplans zur Erfassung, Verwaltung und Verwertung des Vermögens des polnischen Staats und seiner Bürger nach der völkerrechtswidrigen Besetzung polnischer Gebiete im September 1939 durch die deutsche Wehrmacht (Überfall auf Polen).
Der Beauftragte des Vierjahresplans Hermann Göring präsentierte seine Grundsätze und Richtlinien zu einer Wirtschaftsverwaltung in den besetzten polnischen Gebieten und zur Haupttreuhandstelle Ost in der Sitzung der Reichsminister am 13. Oktober 1939. Wesentliche Inhalte fixierte er anschließend mit Schreiben vom 19. Oktober 1939 an die Sitzungsteilnehmer und weitere hochrangige NS-Funktionäre in den besetzten Ostgebieten zur Kenntnisnahme und Umsetzung. [1] Die Haupttreuhandstelle wurde dem Beauftragten für den Vierjahresplan Hermann Göring unterstellt. Als Aufgaben der Haupttreuhandstelle Ost waren in diesem Schreiben die Beschlagnahme des Vermögens des polnischen Staates und ebenso die Beschlagnahme des Privatvermögens der polnischen und jüdischen Bürger festgelegt.
Die Haupttreuhandstelle Ost wurde offiziell durch Bekanntmachung vom 1. November 1939, am 6. November 1939 im Deutschen Reichsanzeiger und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht, eingerichtet. Als Aufgabe wurde in dieser Bekanntmachung nur die Verwaltung des Vermögens des polnischen Staats genannt. Erst in der Anordnung über die Haupttreuhandstelle Ost vom 12. Juni 1940 wurde auch die längst geplante Erfassung und Verwaltung des Vermögens der Angehörigen des polnischen Staats als weitere Aufgabe genannt. Beschlagnahmen und endgültige Rechtsübertragungen konnten von der Haupttreuhandstelle Ost bei Vermögen des polnischen Staats und seiner Angehörigen vorgenommen werden. Äußerungen Hitlers am 22. August 1939 in einer Rede vor Wehrmachtsoffizieren auf dem Obersalzberg ließen erahnen, das die polnische Bevölkerung nichts Gutes zu erwarten hatte: „So habe ich, einstweilen nur im Osten, meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen." [2]
Bereits Anfang September 1939 waren in den besetzten Ostgebieten eine Vielzahl von Beschlagnahmen von öffentlichen oder anderen sich berufen fühlenden Stellen durchgeführt worden. Offensichtlich war die Gründung der Haupttreuhandstelle Ost Mitte Oktober verspätet und ohne eine vorausschauende und gründliche Vorbereitung erfolgt. Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt des OKW hatte ab 1936 Daten über die polnische Wirtschaft gesammelt. [3] Die wehrwirtschaftliche Vorbereitungen waren zu Kriegsbeginn weitestgehend abgeschlossen. Deutsche Industrie und Industrieverbände hatte sich viele Jahre auf die Übernahme von polnischen Konkurrenzbetrieben vorbereitet. Die von den regionalen Militärbefehlshabern beauftragten Chefs der Zivilverwaltung beauftragten schon am 2. September 1939 erste Treuhänder mit der Verwaltung polnischer Unternehmen. Bis zur Bekanntgabe der Einrichtung der Haupttreuhandstelle Ost Anfang November 1939 hatten die Militärbefehlshaber, ihre Beauftragten und Gauleiter in den Monaten September und Oktober schon mehr als ein Dutzend Rechtsvorschriften zu Beschlagnahmen und kommissarischer Verwaltung von Unternehmen und Grundstücken erlassen.
Die Haupttreuhandstelle Ost hatte ihren Sitz von 1939 bis 1943 in der Potsdamer Straße 28 in Berlin-Tiergarten und zeitweise auch in den Nachbarhäusern Potsdamer Str. 30/32, dort zusammen mit der Vermögenswerwertungsgesellschaft VVG. [4] In der Nacht auf den 2. März 1943 verursachte eine Brandbombe eines britischen Luftangriffs auf Berlin schwere Schäden am Dachstuhl der Potsdamer Straße 28 und leichtere Schäden an den Dachstühlen benachbarter Häuser. Abteilungen der Haupttreuhandstelle Ost mussten auf mehrere Standorte in und außerhalb Berlins verteilt werden. [5]
Treuhandstellen vor Ort wurden in Danzig (ab 18. März 1940 mit Sitz in Gotenhafen) für den Reichsgau Danzig-Westpreußen, in Posen für den Reichsgau Wartheland, in Kattowitz für Ost-Oberschlesien und in Zichenau im Regierungsbezirk Zichenau eingerichtet. [6] Die Treuhandstelle im Generalgouvernement unterstand nicht der HTO. In Litzmannstadt wurde eine Nebenstelle der Treuhandstelle Posen mit besonderen Aufgaben und besonderer Zuständigkeit errichtet. [6, 7] Außenstellen wurden in weiteren Städten Danzig-Westpreußens (Gotenhafen, Bromberg, Graudenz, Thorn), Wartheland (Litzmannstadt, ...) und in Ostoberschlesien (Bielitz, Königshütte, Lublinitz, Saybusch und Teschen) eingerichtet. [6, 8] Treuhandstellen, Neben- und Außenstellen durften nicht unmittelbar mit Obersten Reichsbehörden unter Umgehung der HTO in Berlin korrespondieren und hatten Anfragen zusammen mit ihrer Stellungnahme zuerst der HTO vorzulegen.
Die Haupttreuhandstelle Ost war zuständige Behörde für ein Gebiet mit einer Fläche von etwa 92.000 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von etwa 10,5 Mio. Menschen, darunter 635.000 Deutsche lt. Volkszählung vom 31. August 1939. [9] Die Fläche entsprach 23,7 % der Staatsfläche der damaligen Zweiten polnischen Republik von 389.700 Quadratkilometern (1938). Im Kreis Suwalken/Sudauen lag die Einwohnerdichte mit 44 Einwohnern/qkm am niedrigsten. Der Regierungsbezirk Zichenau und der Gau Danzig-Westpreußen waren mit 65 bzw. 70 Einwohnern/qkm dünn besiedelt. Im Wartheland lebten 103 Einwohner/qkm. Am dichtesten besiedelt war der Regierungsbezirk Kattowitz mit 293 Einwohnern/qkm.

Deutsches Reich 1933 mit besetzten Ostgebieten 1939-1941
Bildnachweis: Reichsstelle für das Schul- und Unterschriftstum (Hrsg.): Deutscher Schulatlas 1943, S. 13 oben, Kartenausschnitt mit Änderungen.
Zuständigkeitsbereich der Haupttreuhandstelle Ost (Reichsgau Danzig-Westpreußen, Reg.-Bez. Zichenau, Reichsgau Wartheland und Ostoberschlesien)


Beschäftigungszahlen bei der Haupttreuhandstelle Ost und den Treuhandstellen 1939-1945
Die Treuhandstellen in Danzig, Zichenau, Posen, Litzmannstadt. und Kattowitz beendeten ihre Tätigkeit vor Ort zwangsweise kurz vor der Besetzung dieser Städte durch die Roten Armee im Januar 1945 und Ende März 1945 (Danzig) und wichen auf Auffangdienststellen im Reichsgebiet aus. Eine kleine Restbelegschaft von 15 Personen um Rechtsanwalt Pfennig versammelte sich in Bückeburg in Schaumburg-Lippe. Diese Personen wurden vom örtlichen Militärkommandanten im Mai 1945 der britischen "Property Control Section Detmold" unterstellt, um bei der Aufklärung über die Tätigkeit der Haupttreuhandstelle Ost Auskunft zu geben. [11]
Die Tätigkeit der Haupttreuhandstelle Ost hatte zum Ende der Besatzungszeit in den eingegliederten Ostgebieten zu hoffnungs- und ausweglosen Lebensumständen für die ehemals polnischen Staatsbürger geführt:
- Die Polen standen den deutschen Besatzern als eigentumslose Arbeitskräfte uneingeschränkt zur Verfügung.
- Der Wohngrundbesitz polnischer Bürger befand sich nahezu vollständig in deutscher Hand.
- Polnische Privatguthaben bei Sparkassen, Banken und Genossenschaften waren beschlagnahmt und liquidiert.
- Alle Unternehmen in polnischer Hand oder mit maßgeblicher polnischer Beteiligung waren beschlagnahmt, liquidiert, verkauft oder befanden sich in kommissarischer Verwaltung. Aktien waren beschlagnahmt und entschädigungslos eingezogen worden.
- Personen mit jüdischem Glauben hatten zuletzt nicht mehr als das, was sie auf dem Leib trugen, meistens jedoch nicht mal mehr ihr Leben.
Diese Aufzählung lässt sich in vielfach erschütternder Weise fortsetzen.
Der von der Haupttreuhandstelle Ost erzielte Verwertungserlös von mehr oder weniger 2 Mrd. Reichsmark war als Beitrag zur Kriegsfinanzierung vorgesehen, ist aber im Vergleich zu den von mehreren Autoren auf 414 - 630 Milliarden Reichsmark geschätzten Kosten der Wehrmacht für Militär- und Zivilausgaben während des Zweiten Weltkriegs nahezu bedeutungslos.
Der Schaden, der dem polnischen Staat und seinen Bürgern während der deutschen Besatzungszeit entstanden ist, soll an dieser Stelle nicht eingeschätzt oder beziffert werden. Ausgleichsforderungen in namhafter Höhe sind seitens der polnischen Regierung wiederholt erhoben worden. Die noch heute spürbare große Abneigung vieler polnischer Staatsbürger gegenüber dem Nachbarn Deutschland ist ein Zeichen dafür, dass beide Seiten noch keinen nachhaltigen Frieden miteinander geschlossen haben.
Der Historiker Bernhard Rosenkötter und die Historikerin Jeanne Dingell haben sich in ihren Dissertationen mit der Organisation und der Tätigkeit der Haupttreuhandstelle Ost und der Treuhandstellen in den besetzten polnischen Gebiete Danzig-Westpreußen, Wartheland, Ostoberschlesien und Zichenau ausführlich befasst. [12] Darüber hinaus gibt es weitere Arbeiten polnischer Autoren. Die Tätigkeit der Abteilung III (Industrie) ist aber bis heute nicht umfassend aufgearbeitet worden. Darstellungsschwerpunkt dieses Portals soll deshalb [zunächst] nur die Tätigkeit der Abteilung III (Industrie) der Haupttreuhandstelle Ost in den Jahren 1939 bis 1945 sein. Der datenbank-basierten Auswertung wird die Struktur der Abt. III in Gruppen ab Mai 1941 zugrunde gelegt.
[1] IMT Doc. No. H-2842, USA Exhibit 298, EC-410, Schreiben von Göring vom 19. Oktober 1939 zur HTO
[2] Akten zur deutschen auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Nr. 193, S. 171, Fußnote 1 (Aufzeichnung ohne Unterschrift)
[3] Werner Röhr: Zur Rolle der Schwerindustrie im annektierten polnischen Oberschlesien für die Kriegswirtschaft Deutschlands von 1939 bis 1949. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1991/4. Berlin: Akademie Verlag GmbH, 1991, S. 9 f. und 16 ff.
[4] Rechenschaftsbericht der Haupttreuhandstelle Ost 1939-1942, S. 49: Umzug der HTO [von der Brückenallee 3 im Berliner Hansaviertel, einem Haus im Eigentum von Max Winkler und zugleich Sitz der Cautio Treuhand und der Vera Verlagsanstalt GmbH (siehe dazu Berliner Adressbuch 1939, IV. Teil, S. 117)] in die Potsdamer Straße 28 und benachbarte Häuser. Berliner Adressbuch 1941, III. Teil, S. 17; ebd. 1942, III. Teil, S. 18; ebd. 1943, III. Teil, S. 15. Hausordnung der HTO vom 10. Januar 1940.
[5] Berichte der Hauptluftschutzstelle der Stadt Berlin, S. 430 f.: Bericht über den 101. Fliegeralarm am 1. März 1943, 2. Nachtrag vom 4. März 1943. Anschrift der Ausweichstelle der HTO-Abt. III Industrie: Baracken, Kleiststraße 13, Ratibor.
[6] Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost, 1940, Nr. 1, S. 30: Rundschreiben vom 21. März 1940 betr. Veränderungen bei den Treuhandstellen.
[7] Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost, 1940, Nr. 5, S. 153: Verfügung vom 30. Juli 1940 über die Abgrenzung der Zuständigkeit der Treuhand-Nebenstelle Litzmannstadt von der Treuhandstelle Posen.
[8] Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost, 1940, Nr. 2, S. 20: Rundschreiben vom 19. April 1940 betr. Veränderungen bei den Treuhandstellen.
[9] Piotr Eberhardt: Political Migrations in Poland 1939–1948. Warschau: 2006, S. 4, Tab. 1 und S. 62, Tab. 15.
[10] Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost, 1941, S. 112 und 231.
[11] BArch R144/415: Bescheinigung Pfennigs für das Arbeitsamt Bückeburg vom 26. Mai 1945.
[12] Rosenkötter: Treuhandpolitik, 2003. Dingell: Treuhandstelle Posen, 2003.
