Haupttreuhandstelle Ost

Die Haupttreuhandstelle Ost auf Raubzug in den besetzten Ostgebieten 1939-1945

Am 1. September 1939 begann der Angriffskrieg des Deutschen Reichs auf die Zweite Polnische Republik mit dem Überfall deutscher Wehrmachtstruppen auf polnisches Territorium und die Besetzung der im geheimen Zusatzprotokoll zum „Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ der deutschen Interessenssphäre zugeordneten polnischen Gebiete.  Unter dem Kommando des militärischen Geheimdienstes der deutschen Wehrmacht hatten Spezialeinheiten mit polnisch sprechenden Schlesiern und Volksdeutschen wie dem Freikorps Ebbinghaus in Zivilkleidung noch vor Beginn der Kampfhandlungen am frühen Morgen des 1. September 1939 die polnische Grenze überschritten. Eine ihrer Aufgaben war, hinter der polnischen Verteidigungslinie die Kontrolle über die wichtigsten ost-oberschlesischen Industrieanlagen zu übernehmen und große Zerstörungen zu verhindern. [1] Die Einheiten der Wehrmacht waren angewiesen, bei ihrem Einmarsch Zerstörungen von Industrieanlagen zu vermeiden.

       

Die Besetzung weckte unmittelbar Begehrlichkeiten  von Alteigentümern [2], deutscher Montankonzerne von Ruhr und Saar am oberschlesischen Industrierevier, der IG Farben an den vier wichtigsten polnischen Farbenwerken, der Deutschen Bank am polnischen Bankwesen und zahlreicher weiterer Konzerne und Einzelunternehmen. [3] Ein besonderes Augenmerk verschiedenster Interessensgruppen richtete sich auf die Aneignung von Rüstungsbetrieben, Hüttenwerken und Kohlengruben. Ansprüche auf eine Beteiligung an der Übernahme von Steinkohlegruben meldeten auch die „privilegierten“ Reichswerke Hermann Göring an. [4] Konzerne von Ruhr und Saar sollten auf Wunsch des Reichswirtschaftsministeriums zwar ebenfalls beteiligt werden, kamen am Ende aber nicht in dem von ihnen gewünschten Umfang zum Zuge. [5] Die Interessenlage war divers und vielschichtig, oft auch undurchsichtig.

       

Nach Kriegsbeginn fehlten zunächst eine einheitliche wirtschaftliche Planung und verbindliche Zuständigkeitsregelungen. Zur Erfassung, Verwaltung und Verwertung des Vermögens der besetzten polnischen Gebiete und des Vermögens seiner polnischen und jüdischen Bürger gründete daher der Beauftragte für den Vierjahresplan (Hermann Göring) die Haupttreuhandstelle Ost als neue Dienststelle am 1. November 1939. Die wirtschaftlichen Kräfte der besetzten Gebiete sollten vollständig in den Dienst der deutschen Kriegswirtschaft gestellt werden. [6] Erhebliche Konflikte mit Heinrich Himmler als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“, den Reichsstatthaltern und den Oberpräsidenten der Lokalverwaltungen um die Verteilung der Beute waren dennoch zu erwarten. 

         

Mit der Leitung der HTO beauftragte Hermann Göring um den 12. Oktober 1939 den Bürgermeister a. D. Max Winkler, der unmittelbar begann, die Organisation der HTO aufzubauen. [7] Schon am nächsten Tag sprach er beim Präsidenten des Rechnungshofs des Deutschen Reichs Heinrich Müller [8] vor und bat um eine ständige Abordnung von Sachbearbeitern an die HTO, um die Arbeit der HTO durch eine laufende Kontrolle des Rechnungshofs abzusichern. [9]

         

Am 6. November 1939 wurde die Gründung der HTO im Reichsanzeiger bekanntgemacht, am 18. November 1939 im Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz. [10] Allerdings wurde als ihre Aufgabe  nur die „Verwaltung des Vermögens des polnischen Staates innerhalb der von den deutschen Truppen besetzten Gebieten“ genannt. Die weitere (höchst brisante) Absicht, das Vermögen der polnischen Staatsbürger zu erfassen, zu verwalten und zu verwerten, wurde zunächst verschwiegen und erst am 17. Juni 1940 öffentlich verkündet. [11]

         

Die Geschäftsverteilung innerhalb der HTO-Zentrale musste ab dem Zeitpunkt ihrer Gründung fortlaufend den Anforderungen angepasst werden. Abteilungen wurden bei Bedarf neu eröffnet, umbenannt und auch wieder geschlossen. Referate wurden erst in Gruppen, dann wieder in Referate umbenannt. Die Aufgabenbereiche von Abteilungen und Referaten wurde mehrfach neu zugeschnitten. Personelle Zuständigkeiten und Zugehörigkeiten wechselten häufig. Ein erster Geschäftsverteilungsplan wurde im Dezember 1939 veröffentlicht. [12] Dieser enthielt nur wenige Namen, da die HTO sich noch im Aufbau befand. Beim Führungspersonal setzte Winkler auf mehrere ihm langjährig vertraute Personen wie Erich Krahmer-Möllenberg, Friedrich Merten, Bruno Pfennig und Erwin Reetz. Eine erste differenzierte Gliederung wurde mit dem Geschäftsverteilungsplan zum 1. Juni 1940 bekanntgegeben. [13] Weitere Pläne folgten mit Stand Februar 1941, Mai 1941, Oktober 1942, März 1943 und Mai 1944. [14]

 Geschäftsverteilungspläne der Haupttreuhandstelle Ost der Jahre 1939-1944

Innerhalb der Organisation der Haupttreuhandstelle wurde zunächst eine Gruppe IV Industrie implementiert, die für die Erfassung, Verwaltung und Verwertung der Unternehmen in den besetzten polnischen Gebieten zuständig war. Diese Gruppe wurde im Zuge einer Reorganisation im Juni 1940 in Abt. III Industrie umbenannt. Zum Leiter der Gruppe IV bzw. Abt. III wurde Dr. Jakob Herle bestimmt, Geschäftsführer des Reichsverbandes der Deutschen Industrie von 1919 bis zu seiner Absetzung 1934, als professioneller Netzwerker ausgestattet mit den besten Kontakten zur Industrie des Deutschen Reichs. Herle leitete die Abteilung bis zum 30. Juni 1942. [15] Sein Nachfolger wurde Ministerialdirigent Dr. Brebeck. Während dessen Amtszeit wurde die Abteilung in Abt. III Gewerbliche Wirtschaft umbenannt. Wegen der Bombenangriffe auf Berlin wurde die Abteilung III Industrie 1943 nach Ratibor in Oberschlesien verlegt. Ende Juli 1944 wurde Dr. Brebeck von der Gestapo verhaftet, aber wieder freigelassen. Genauere Hintergründe sind noch unbekannt. Einen Nachfolger hatte er nicht mehr bis Kriegsende.


Die Referate der Abt. III Industrie waren nach Industriebranchen gegliedert. Die Branchen Verkehrsunternehmungen und Fremdenverkehrsgewerbe waren keine Industriebranchen nach damaliger Systematik, sondern der Wirtschaftsabteilung Handel und Verkehr zuzuordnen. Die Abt. III Industrie war trotzdem für beide Gewerbe zuständig.

Geschäftsverteilung in der Haupttreuhandstelle Ost Abt. III Industrie nach Branchen/Zuständigkeit

Unter den Mitarbeitern der Abt. III Industrie waren NSDAP-Mitglieder (Fritsch, Gräbner, Kübel, Mies, Morgenroth, Preibsch, Teßmar, Woitschell), Spezialisten in ihrem Fachgebiet (Bramstedt (Statistik), Frölich (Metall- und Gießereiindustrie), zur Nieden (Versorgung mit Gas, Wasser und Elektrizität, Elektroindustrie und Verkehr), Scharff (Textil) und Teßmar (Bergbau)), aber auch solche ohne industrielle Erfahrung zu finden.

Berufserfahrene Spezialisten mit Verwaltungserfahrung waren nach Kriegsbeginn überaus gefragt. Die Arbeit bei der HTO war jedoch ausgesprochen schlecht bezahlt. Auch NS-kritische Personen (zur Nieden, RA Polzin, Peter Graf Yorck von Wartenburg, vermutlich auch Dr. Brebeck) wurden eingestellt, im Einzelfall über individuelle Dienstverpflichtung oder als Nebenbeschäftigung. Beamte im Ruhestand konnten nach § 4 Abs. 1 a Notdienstverordnung zum langfristigen Notdienst zur Erfüllung hoheitlicher Aufgaben verpflichtet werden. Eine Beschwerde war möglich, hatte aber keine aufschiebende Wirkung. Die Zuwiderhandlung wurde mit Gefängnis und/oder Geldstrafe in unbegrenzter Höhe bestraft.

   

Die Aufgaben der Abt. III Industrie  werden in den Arbeiten von Rosenkötter und Dingell nicht näher behandelt, obgleich beide sich ansonsten eingehend mit der Struktur der HTO und ihren Treuhandstellen befassen. Während sich bei allen anderen Abteilungen die jeweilige Aufgabe oft schon an der Gruppen- bzw. Referatsbezeichnung erkennen lässt, ist dies bei den Referaten bzw.  Gruppen B der Abt. III Industrie nicht möglich, da sie nach Industriebranchen gegliedert sind. Aus dem Rechenschaftsbericht der HTO 1939-1942 und den zahlreichen öffentlichen Bekanntmachungen lässt sich ableiten, dass die Referats- bzw. Gruppenleiter (und ihre Mitarbeitenden) der Abt. III dafür zuständig waren, die Übersicht über den aktuellen Bearbeitungsstand in der jeweiligen Branche zu führen, als Ansprechpartner bei fachlichen Fragen, ggfs. unter Zuhilfenahme von Sachverständigen, dienten, an der Erfassung, Begutachtung und Bewertung der Unternehmen vor Ort beteiligt waren und in seltenen Einzelfällen zusätzlich als kommissarische Verwalter (Bösche, Czulins, Fischer, Fritsch, Kersten, Preibsch und Tessmar [16]) oder als Verkaufstreuhänder (Bösche, Fischer, Kaiser, Kersten, Lampe, Preibsch, Springborn und Tessmar) tätig wurden. [17] Zahlreiche Betriebe wurden von den Mitarbeitern der Abt. III Industrie besichtigt, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen. [18]

   

In den Tagen nach Beginn des deutschen Truppeneinmarschs am 1. September 1939 flohen die meisten Unternehmer und viele leitende Angestellte vor den vorrückenden Truppen. Betriebe oder Betriebsteile waren durch Kriegsereignisse beschädigt oder zerstört, Betriebseinrichtungen demontiert oder gelähmt. Das wirtschaftliche Leben lag darnieder.  Mit den deutschen Truppen rückten wehrwirtschaftliche Einheiten mit technischen Kommandos in die besetzten Gebiete ein, um durch Kriegshandlungen gestörte Versorgungsbetriebe der Elektrizitäts- und der Wasserversorgung vorrangig zur Truppenversorgung wieder in Gang zu setzen. [19]

     

Erste Aufgabe der Haupttreuhandstelle Ost war die systematische Erfassung der polnischen Unternehmen. Diese umfangreiche Aufgabe  erstreckte sich bis Ende 1940. [20] Bei insbesondere kriegswichtigen Unternehmen wurden unverzüglich kommissarische Verwalter eingesetzt bzw. die Treuhänder als kommissarische Verwalter bestätigt, die von Dienststellen der Wehrmacht, den Chefs der Zivilverwaltungen oder anderen Stellen eingesetzt worden waren. Am 21. April 1940 erklärte die Haupttreuhandstelle alle kommissarisch verwalteten Betriebe, Unternehmen, Unternehmensteile, Vermögen und Vermögensinbegriffe als beschlagnahmt  (siehe z. B. Bekanntmachung im Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, 1940, S. 69) und forderte die komm. Verwalter auf, Grundbesitz beim jeweils zuständigen Amtsgericht als zugunsten der HTO beschlagnahmt eintragen zu lassen. Der Eintrag der Beschlagnahme sollte auch im Handelsregister vorgenommen werden, wenn schon ein Handelsregistereintrag besteht.

     

Die wichtigsten Aufgaben eines kommissarischen Verwalters waren, das in seiner Verantwortung befindliche Unternehmen nach den Grundsätzen eines ordentlichen Kaufmanns zu führen, es unter den neuen Marktbedingungen wieder in einen wirtschaftlichen Betrieb zu überführen und diesen über die Jahre zu gewährleisten. Zuverlässigkeit und fachliche Eignung wurden erwartet. Einschlägige Vorschriften waren die Verordnung über die Beschlagnahme in den besetzten ehemals polnischen Gebieten (ohne Ostoberschlesien) vom 5. Oktober 1939 und die Allgemeinen Richtlinien über die Tätigkeit als kommissarischer Verwalter vom 31. Januar 1940.  Verstöße gegen Grundsätze sollten als Verstöße gegen die Volksgemeinschaft geahndet werden.

       

Die Tätigkeit eines kommissarischen Verwalters endete regelmäßig mit seiner Abberufung nach der endgültigen Überführung des Betriebs in deutsches Eigentum oder vorzeitig durch Einberufung zum Kriegsdienst oder Abberufung z. B. aufgrund mangelnder Eignung, Diebstahl, Korruption, Unterschlagung oder Veruntreuung. [21] Der kommissarische Verwalter wurde ausdrücklich nicht einem Treuhänder, der Vermögenswerte oder Rechte zu treuen Händen erhält und uneigennützig verwaltet, gleichgesetzt, sondern hatte einen bestimmten Auftrag der Haupttreuhandstelle Ost zu erfüllen und war dieser gegenüber rechenschaftspflichtig.  Der kommissarische Verwalter war in seiner Handlungsfreiheit durch Vorgaben der Polenvermögensverordnung und anderer gesetzlicher Vorschriften eingeschränkt. Ohne vorherige Ermächtigung durfte der kommissarische Verwalter keine Grundstücke veräußern oder belasten, nicht den Gegenstand oder die Rechtsform des Unternehmens ändern oder das Unternehmen in Gänze oder Vermögensteile in ihrer Gesamtheit verkaufen. Der kommissarische Verwalter erhielt eine Vergütung, die von der Haupttreuhandstelle Ost festgelegt wurde und vom verwalteten Unternehmen zu tragen war.

       

Zur Veräußerung der Unternehmen wurden durch die HTO allgemeine Richtlinien erstellt und mit den obersten Reichsbehörden abgestimmt. [22] Ab Februar 1941 behielt sich die HTO offiziell die Zuständigkeit für die Verwertung der Großbetriebe im Wert über 500.000,- Reichsmark vor.[23] Dieser Vorbehalt bestand HTO-intern schon seit August 1940 und war per Rundverfügung im Mitteilungsblatt der Haupttreuhandstelle Ost  publiziert worden.[24]

   

Auswertung

 

Durch umfangreiche Archiv- und Internetrecherchen konnten bisher etwa 1.000 Industrieunternehmen mit Standort im Gau Danzig-Westpreußen, im Reg.-Bez. Zichenau, im Gau Wartheland und in Ostoberschlesien mit einer Vielzahl von Einzelangaben in einer Datenbank erfasst werden. Der Einsatz einer Datenbank für die Auswertung war unerlässlich, da eine händische Auswertung wegen der großen Datenmenge nur noch mit sehr großem Zeitaufwand möglich wäre. Bei manuellem Handling bestände zudem ein deutlich erhöhtes Fehlerrisiko. Jeder Eintrag in die Datenbank wurden auf Relevanz und Konsistenz geprüft. Sollte es sich bei einem Eintrag nach tiefergehender Recherche nicht um ein Industrieunternehmen handeln, würde der Datensatz wieder gelöscht.


Ein Datensatz, eindeutig gekennzeichnet durch die Identitätsnummer (ID), betrifft in der Regel ein Unternehmen mit oder ohne Veräußerungsvorgang, kann aber auch mehrere Unternehmen umfassen, wenn beispielsweise Bergwerke, Montanunternehmen oder Zuckerfabriken von der Haupttreuhandstelle Ost im Paket verkauft wurden.  Ein Datensatz kann den Verkauf eines ganzen Unternehmens, eines Teils, aber auch nur den Verkauf von Rohstoffen, Maschinen oder Grundstücken aus dem Eigentum eines Unternehmens oder den Verkauf von Aktien betreffen. In manchen Fällen kann aber auch mehr als ein Datensatz zu einem Unternehmen gehören, wenn von der Haupttreuhandstelle Ost mehr als ein Kaufvertrag  abgeschlossen wurde.


In der Datenbank gelistet  sind 535 Unternehmen, die von der Haupttreuhandstelle Ost erfasst, kommissarisch verwaltet und in der Mehrzahl verwertet wurden. Zu weiteren 465 Unternehmen mit Standort im Einflussbereich der Haupttreuhandstelle Ost liegen ebenfalls detaillierte Informationen vor, aber keine Hinweise auf eine Abwicklung über die Haupttreuhandstelle Ost. Das kann sich zukünftig bei gezielter Nachforschung in Einzelfällen noch ändern.

Eingabemaske der Datenbank (Beispiel ID41 Chemische Werke Boruta AG))

Bei 357 Veräußerungen im Zeitraum September 1939 bis Dezember 1944 sind Kaufpreis und Kaufdatum bekannt. Die Erlöse aus diesen Verkäufen betrugen 928.915.543 RM.  Im Detail: 217 Veräußerungen mit einem Kaufpreis gleich oder mehr als 500.000 RM ergaben Erlöse von 901.530.279 RM (Ø 4.154.517 RM/Verkauf). Weitere 140 Veräußerungen mit einem Kaufpreis unter 500.000 RM erbrachten 27.385.264 RM (Ø 195.609 RM/Verkauf).

 

Bei 209 Veräußerungen sind Kaufdatum und Kaufpreis nicht bekannt. Diese Veräußerungen werden mit dem Durchschnittspreis der jeweiligen Branche, der die Unternehmen angehören, bewertet. Die Bewertungssumme beträgt nach Hochrechnung 439.035.186 RM.


Der Gesamtbetrag der 566 Veräußerungen durch die Haupttreuhandstelle Ost beträgt 1.367.950.729 RM. Dies entspricht einem Betrag von 6.402.437.379 Euro nach Umrechnung mit den von der Deutschen Bundesbank veröffentlichten Kaufkraftäquivalenten für die Jahre 1939-1944.


Der zeitliche Verlauf der aus den 357 Verkäufen von Industriebetrieben realisierten Erlöse (rote Linie) ist in nachfolgender Grafik im Vergleich zu den Angaben der Haupttreuhandstelle Ost dargestellt (blau gepunktete Kurve). 

Der monatliche Verlauf der Erlöse aus 357 Veräußerungen zeigt keine Konstanz über den Betrachtungszeitraum, sondern zeitweise starke Schwankungen und auch manche Monate mit extrem schwachen Erlöseingang. Das Bild kann sich noch ändern, wenn für weitere Veräußerungen aus der Hochrechnung ein Kaufdatum vorliegt.

Die Unternehmensverkäufe lassen sich hinsichtlich Anzahl und Erlössumme gruppieren. (siehe dazu nachfolgende Grafik). 140 Verkäufe unter 500.000 Reichsmark brachten nur geringe Erlöse in Höhe von rund 28 Mio. RM. Die Treuhandstellen mussten für diese Verkäufe vergleichsweise viel Personal einsetzen und konnten doch nur einen magerem Ertrag erzielen.


Mit nur 24 hochpreisigen Unternehmensverkäufen, im Einzelfall teils deutlich über 10 Mio. Reichsmark,  konnte die Haupttreuhandstelle Ost  rund 522 Mio. Euro erzielen. 17 der verkauften Unternehmen waren im Regierungsbezirk Kattowitz ansässig und den Branchen Bergbau, Hüttenwesen, Energiewirtschaft und Chemie zugehörig. 

Ostoberschlesien war aus regionaler Sicht ein Schwerpunkt für die Unternehmensverwertung. Dort konnte die Haupttreuhandstelle 171 Verkäufe mit 763,2 Mio. RM Erlös verbuchen. Deutlich weniger lukrativ waren die Verwertungsbemühungen in den Reichsgauen Danzig-Westpreußen und Wartheland.

Die Branche Bergbau war mit 36 Verkäufen und 309 Mio. RM Erlösen die mit Abstand lukrativste Branche für Unternehmensverwertungen. Der Branchendurchschnitt lag bei 8,6 Mio. RM pro Verkauf. Ähnlich lukrativ war der Verkauf von Unternehmen der Energiewirtschaft und des Hüttenwesens.

Erwerbstätige in kommissarisch verwalteten Unternehmen


Bei 497 aller bisher erfassten Unternehmen ist die Zahl der Erwerbstätigen bekannt. Bei diesen Unternehmen sind insgesamt rund 536.000 Mitarbeitende beschäftigt. Die Beschäftigungszahlen stammen aus unterschiedlichen Jahren im Zeitraum 1940-1943. Eine jahresgenaue Darstellung und Auswertung ist in diesem Zeitraum mangels verfügbarer Unternehmensdaten nicht möglich. In den Beschäftigtenzahlen nicht berücksichtigt sind die bei den Unternehmen beschäftigten Kriegsgefangenen, Ostarbeiter und KZ-Häftlinge.


Die Unternehmen lassen sich den Branchen entsprechend Geschäftsverteilung der Abt. III Industrie der Haupttreuhandstelle Ost im Mai 1941 zuordnen. Die Branchen Verkehr, Gas- und Wasserversorgung sowie Fremdenverkehr werden bei der Auswertung der Beschäftigtenzahlen nicht berücksichtigt, weil sie streng genommen keine Industriebranchen sind.


Bei den Branchen, bei denen mehr als 10 Unternehmen aus der Datenbank für die Durchschnittsberechnung der Beschäftigtenzahlen berücksichtigt werden konnten, wurden durchschnittliche Beschäftigtenzahlen aufgrund der Angaben in der Datenbank ermittelt. Dies betrifft die Branchen Eisenschaffende Industrie, Eisenverarbeitung, Elektro, Chemie, Textil, Leder, Bekleidung und Holzverarbeitung.


Die Branche Bergbau wurde detaillierter betrachtet. Aus einem Verzeichnis des Oberbergamtes in Breslau konnten die Beschäftigtenzahlen für 110 Bergwerke entnommen werden. [24a] Damit ließen sich die folgenden Durchschnittswerte für die Hochrechnung ermitteln: Steinkohlebergwerk:  2.140 Mitarbeiter (MA), Erzbergwerke: 505 MA, Salzgewinnung 380 MA und Braunkohletagebau: 152 MA berechnen.  Die Hochrechnung ergab, dass in 147 Bergwerken (zu 47 Datensätzen der Branche Bergbau gehörig) 252.298 Mitarbeiter beschäftigt sind.


In allen anderen Branchen wurden die Durchschnittszahlen für Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten aus dem statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941/42 entnommen (siehe grau unterlegte Zahlenfelder in Spalte „Ø"  der nachfolgenden Tabelle).


Die Hochrechnung ergab für die 535 bisher erfassten, kommissarisch verwalteten Unternehmen etwa 490.000 Beschäftigte. Der Bergbau ist die beschäftigungsintensivste Branche, in der mit 252.000 Beschäftigten mehr als die Hälfte der Beschäftigten arbeiteten. Die Branchen Eisenverarbeitung (Maschinenbau, Fahrzeugbau, Metallwaren), Eisenschaffende Industrie und Textil folgen auf den nächsten Plätzen mit deutlichem Abstand vor den Branchen Chemie und Elektro.

Kommissarische Verwalter


Die Haupttreuhandstelle Ost beauftragte/bestellte natürliche Personen und in selteneren Fällen juristische Personen als kommissarische Verwalter  zur Verwaltung der Unternehmen in polnischem, jüdischem oder feindlichem Eigentum.  Bei 432 von 566 Verkäufen konnte ein kommissarische Verwalter namentlich über Unterlagen der Haupttreuhandstelle Ost, Handelsregistereinträge oder Inserate identifiziert werden.


Natürliche Personen als komm. Verwalter betreuten ein Verkaufsvolumen von 820 Mio. RM.  Mehrfachbestallungen waren möglich. Generaldirektor Ernst Pietsch aus Kattowitz betreute sieben Unternehmen in der Kattowitzer Region.  Generaldirektor Rudolf Sonntag aus Danzig war für 9 beschlagnahmte Elektrizitätswerke im Gau Danzig-Westpreußen zuständig. Generaldirektor Maximilian Sabass aus Sosnowitz betreute 26 Unternehmen ausschließlich in der Region Dombrowaer Kohlengebiet Er bediente sich dabei mehrerer Beauftragter.


Juristische Personen erhielten 22 Bestellungen zum komm. Verwalter und betreuten ein Verkaufsvolumen von 92,8 Mio. RM. Die Energieversorgung Oberschlesien AG in Kattowitz verwaltete 5 Unternehmen der Energiewirtschaft in der Region Kattowitz kommissarisch.


In 339 Fällen gab es nach der Erstbestellung keinen weiteren Wechsel des kommissarischen Verwalters. In 93 Fällen gab es einen oder zwei Wechsel.


Qualifikation und Absichten der kommissarischen Verwalter sind nur eingeschränkt erkennbar:

  • 154 kommissarische Verwalter hatten Branchenkenntnis, Erfahrungen mit Unternehmen aus der Branche oder eine branchentypische akademische Ausbildung,
  • 40 Verwalter waren Angestellte des späteren Käufers,
  • 72 Verwalter wurden Eigentümer des von ihnen betreuten Unternehmens,

Bei den Unternehmen, die als kommissarischer Verwalter tätig waren, wurde eine ausreichende Qualifikation angenommen, wenn sie der gleichen Branche des kommissarisch zu verwaltenden Unternehmens angehörten.

Branchen

Alle Unternehmen mussten ihre Produktion aufgrund ihrer Fertigungskapazitäten auf Aufträge der deutschen Kriegswirtschaft umstellen. [83]


Bergbau

1938 wurden im Deutschen Reich 186,4 Mio. Tonnen Steinkohle gefördert. [25] Die Förderkapazität des ostoberschlesischen Steinkohlebergbaus von 45- 54 Mio. Tonnen jährlich in den Jahren 1940-1944 erhöhte bei Vergleich mit dem Jahr 1938 die Steinkohlefördermenge im Deutschen Reich um 24 - 29 %.  Die Bedeutung des Steinkohlebergbaus in Oberschlesien zeigt sich auch in der Zahl der Erwerbspersonen. Im Deutschen Reich waren lt. Berufszählung vom 17. Mai 1939 rund 534.000 Personen im Steinkohlenbergbau und in der Gewinnung von Koks und Steinkohlenbriketts tätig. [25] In Oberschlesien arbeiteten rund 235.000 Personen in diesem Wirtschaftszweig. Etwa 16.000 Personen waren im Erzbergbau tätig.  Etwa 600 Personen waren im vier Braunkohletagebaugruben in Ostoberschlesien und im Wartheland tätig.

Insgesamt wechselten 110 Steinkohlebergwerke, 30 Erzbergwerke und 4 Braunkohletagebaugruben sowie eine Saline, ein Steinsalz- und ein Solebergwerk den Eigentümer. 

Die größten Betreiber von Steinkohlebergwerken waren die Bergwerksverwaltung Oberschlesien GmbH der Reichswerke „Hermann Göring" mit 20 Bergwerken und die Preußische Bergwerks- und Hütten AG mit 15 Bergwerken.

Etwa 16.000 Personen waren im Eisen-, Blei- und Zinkerzbergbau tätig. Die Oberhütten Vereinigte Oberschlesische Hüttenwerke AG und  die Oberschlesische Erzgruben GmbH konnten sich 21 von 31 Gruben sichern.

Zwangsarbeit: Mit zunehmender Einziehung von Bergarbeitern zur Wehrmacht während der Kriegsjahre wuchs auch die Zahl der in den Bergwerken eingesetzten Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Lange nach Kriegsende 1945 wurden alle Kohlegruben der Zentralverwaltung der Kohlenindustrie (CZPW -  Centralny Zarząd Przemysłu Węglowego, gegründet am 20. April 1948 mit Sitz in Katowice, am 20. April 1950 liquidiert) unterstellt.  Durch das CZPW wurde u. a. festgestellt, dass Ausrichtungsarbeiten (Herstellung von Grubenbauen, um eine Lagerstätte für den Abbau zugänglich zu machen) - und Vorrichtungsarbeiten (Herstellung von Tunneln und Strecken für den Abbau, die Belüftung, Transport und Förderung) während der Kriegsjahre vernachlässigt worden waren, weil die Ausbeutung der Gruben mit maximaler Kohleförderung während der deutschen Besatzungszeit Vorrang hatte. [25a]

Der Wert der materiellen Kriegsverluste im  gesamten polnischen Kohlenbergbau wurde nach Kriegsende durch Berechnungen der Abteilung für Kriegsreparationen der CZPW auf 3,2 Mrd. Zloty geschätzt. [25a]


Hüttenwesen

Das Deutsche Reich konnte durch in ehemals polnischen Gebieten gelegenen Anlagen seine Roheisenerzeugung auf ca. 20 Mio. t, die Rohstahlerzeugung auf ca. 25 Mio. t und die Walzwerkproduktion auf ca. 17 Mio. t. steigern.

[Ergänzungstext in Bearbeitung]


Maschinenbau

[Text zur Branche Maschinenbau ist in Bearbeitung]


Elektroindustrie

Zur Branche Elektroindustrie gehörten Unternehmen, die Batterien, elektrische Licht-, Kraft- und Schwachstromanlagen, Elektrokabel, Grubenlampen, Hochspannungskabel, Motoren und Pumpen herstellten. 21 Unternehmen wurden kommissarisch verwaltet, davon mehrere durch Generaldirektor Maximilian Sabass aus Berlin über Beauftragte vor Ort (z. B. Dombrowaer Drahtindustrie Gebr. Klein in Dombrowa, Drahtfabrik in Sosnowitz, Kabel- und Drahtfabrik GmbH in Bendsburg). Bekannte Käufer waren die Unternehmen Quandt-Gruppe, Hans Still Motorenwerke in Hamburg, Julius Pintsch AG in Berlin und Felten & Guilleaume AG in Wien. An mehreren Unternehmen waren ausländische Eigentümer beteiligt (z. B. an der Gasaccumulator AG in Kattowitz (Svenska Aktiebolaget Gasaccumulator, Stockholm-Lidingö, Schweden) und der Elektro-Industrie AG in Tschechowitz (BBC, Schweiz)), die ihre Unternehmen aus der kommissarischen Verwaltung herauslösen konnten. Bei den Daimon-Werken in Danzig und Preuß. Stargard gelang dies bis Kriegsende nicht, da die Mehrheit am Unternehmen von der BEREC British Eveready Export Company, einem feindlichen ausländischen Unternehmen, gehalten wurde.


Versorgung Gas, Wasser und Elektrizität

Die Eigentumsverhältnisse des polnischen Gemeindevermögens waren klar geregelt. Die deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände in den besetzten Gebieten wurden Nachfolger der polnischen Gemeinde und Gemeindeverbände und konnten auch über ihre Geschäftsanteile an Unternehmen verfügen. [26] Diese grundsätzliche Regelung betraf insbesondere die Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke sowie Verkehrsunternehmen der kommunalen Infrastruktur. Ausnahmen gab es aufgrund eines Vorbehalts für Elektrizitätsversorgungsunternehmen in Danzig-Westpreußen und im Regierungsbezirk Kattowitz. [27]

Gas- und Wasserwerke sind nur in sehr wenigen Fällen kommissarisch verwaltet oder beschlagnahmt worden. [28] Die Königshütter Gaswerk AG wurde im September 1939 unter treuhänderische Verwaltung gestellt. [29] Die im polnischen Besitz befindlichen Aktien wurden an die Stadt Königshütte verkauft. [30] Die kommissarische Verwaltung der Oberschlesischen Gaswerke AG in Kattowitz wurde Ende 1940 aufgehoben. [31] An beiden Unternehmen war die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft aus Dessau als Alteigentümerin beteiligt. [32] Die Staatliche Wasserversorgung in Ost-Oberschlesien in Kattowitz befand sich in polnischem Staatsvermögen und wurde beschlagnahmt. [33] Die Planung war, es in den Wasserverband Kattowitz einzugliedern, dessen Verbandssatzung am 5. Mai 1942 verabschiedet und veröffentlicht werden konnte. [34]

Elektrizitätsversorgungsunternehmen  (mit den Unternehmensteilen Kraftwerke, Fernleitungs- und/oder Verteilnetze) wurden ausnahmslos unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 von den Chefs der Zivilverwaltungen der Grenzschutz-Abschnittkommandos beschlagnahmt. Als vorläufige Unternehmensleitung wurden Treuhänder oder kommissarische Verwalter mit umfangreichen Befugnissen eingesetzt. [35] Das weitgehend polnische Führungspersonal (AR, Vorstand, GF und Prokuristen) wurde von diesen abberufen, die polnischen Firmennamen umgehend eingedeutscht, von Zloty auf Reichsmark umvalutiert und eine Reichsmark-Eröffnungsbilanz erstellt. [36] Da es nennenswerte Kriegsschäden in den Unternehmen nicht gab, konnte die Betriebstätigkeit unverzüglich wieder aufgenommen werden. [37]

Die HTO übernahm die kommissarische Verwaltung der Elektrizitätsunternehmen in Danzig-Westpreußen und in Ost-Oberschlesien. Kommunale Eigenbetriebe [38] wurden in Absprache zwischen dem jeweiligen kommissarischem Verwalter und der örtlichen Zivilverwaltung fortgeführt. [39] In der Regel wurden sie in die Zuständigkeit der Kommunen zurückgegeben. Erst 1942 konnten nach erheblichen Meinungsverschiedenheiten über die zukünftigen Träger der Energieversorgung die Energieversorgung Westpreußen AG und die Energieversorgung Oberschlesien AG (EVOS) gegründet werden. [40] Die EVOS übernahm alle Kraftwerke in Ost-Oberschlesien von der HTO mit Ausnahme der Elektro AG in Ober Lazisk.

Im Wartheland standen die Elektrizitätswerke zu keinem Zeitpunkt unter der Verwaltung der HTO, da sie sich entweder überwiegend in ausländischem Eigentum befanden oder als einer der zahlreichen Eigenbetriebe an die Kommunen zurückgegeben werden sollten (z. B. in Posen, Kalisch, Leslau und Litzmannstadt). [41]

Mehrere Elektrizitätswerke in Ostoberschlesien waren notwendiger Betriebsteil eines Hütten-, Bergwerk- oder Chemieunternehmens (Donnersmarck-Hütte in Zabzre, Rybniker Steinkohlen-Gewerkschaft, Silesia Bergbau AG in Dzieditz, Steinkohlengruben Jaworzno AG und Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober-Lazisk [42]) und vorrangig für deren Energieversorgung zuständig. Diese Elektrizitätswerke wurden als Nebenbetrieb eingestuft, weil deren Herauslösung aus dem Gesamtbetrieb nicht als zweckmäßig angesehen wurde, und nicht separat verwertet.. [43]

Ab 1940 stieg der Strombedarf der Wirtschaft in den besetzten Gebieten sprunghaft an. Investitionen in kommissarisch verwalteten Betrieben wurden von der HTO zunächst nur getätigt, wenn die erforderlichen Aufwendungen aus den laufenden Einnahmen des Betriebes gedeckt werden konnten. [44] Die Inangriffnahme und Finanzierung großzügiger Planungen auf lange Sicht unterblieb bis 1942. Danach erfolgten diese nur auf Veranlassung und mit Zustimmung des Generalinspektors für Wasser und Energie (GIWE). [45] Hierfür wurden insgesamt Kredite von 17,5 Mio. Reichsmark von der HTO vergeben.


Verkehrsunternehmungen

Die meisten Eisenbahnunternehmen  in den besetzten Gebieten, insbesondere die polnische PKP, wurden in die Verwaltung der Deutschen Reichsbahn übernommen [63] und in die militärische Transportinfrastruktur eingebunden. Von der HTO wurden zwei Kleinbahnunternehmen beschlagnahmt. Das eine wurde der Reichsbahn übereignet, das andere an eine Zuckerfabrik, die das Streckennetz in erster Linie als Rübenbahn bediente. [64] Die kommissarische Verwaltung der Schlesischen Kleinbahn AG wurde im 1. Halbjahr 1940 aufgehoben und die AG an die Alt-Eigentümer übergeben. [65] Die Kleinbahnen Westpreußen AG, die schon in den 1920er Jahren den Aktionären AGV, Freistaat Preußen, Provinz Ostpreußen und den Landkreisen Danzig, Marienburg, Elbing und Stuhm gehört hatte, konnte ihr Streckennetz in Danzig, West- und Ostpreußen nach der Besetzung durch die deutschen Truppen wieder auf die ursprüngliche Länge von etwa 330 km vergrößern.

Straßenbahn- und Busunternehmen wurden an die Kommunen veräußert, in deren Bereich sie lagen, und weiterbetrieben. [69] Sie konnten von den Kommunen profitabel geführt werden, weil sie von der Bevölkerung stark in Anspruch genommen wurden. Bei der Instandsetzung des Fahrzeugparks halfen gleichartige Unternehmen aus dem Altreich mit Material und Fahrzeugen. [70]

In kommissarischer Verwaltung durch die HTO verblieben vier Straßenbahn- und Autobusunternehmen, etwa die Straßenbahn- und Autobusgesellschaft AG in Bielitz, die Elektrische Straßenbahn im Dombrowaer Kohlengebiet AG in Sosnowitz und das J. Molin Autobusunternehmen in Teschen. [71]

Insgesamt von der HTO erfasst wurden weit über tausend Speditionen, die teilweise liquidiert, ansonsten veräußert wurden. [79] Die einzige größere Spedition mit mehreren Niederlassungen in den eingegliederten Ostgebieten, Hartwig u. Co. AG, wurde an einen baltendeutschen Umsiedler veräußert. [80]

Für die Binnenschifffahrt  im gesamten Weichselstromgebiet wurde ein kommissarischer Verwalter eingesetzt. [81] Der Schifffahrtsverkehr auf der Weichsel war teilweise zum Erliegen gekommen, da durch Kriegshandlungen nicht nur fast alle Brücken gesprengt, sondern auch viele Schiffe zerstört, versenkt oder beschädigt worden waren. Etwa 500 Binnenschiffe wurden beschlagnahmt. Der größte Teil der Fahrzeuge, insbesondere Kähne, wurde an Volksdeutsche veräußert oder war für den Verkauf an Kriegsteilnehmer reserviert.


Chemie

Textil

Papier, Druck

Nahrungsmittel

[Texte in Bearbeitung]


Das oberschlesische Industrierevier produzierte für die deutsche Kriegswirtschaft bis zur Besetzung durch die russischen Truppen im Januar 1945. Die Industrieanlagen blieben weitgehend unzerstört, waren aber durch Verschleiß der Maschinen und Anlagen sowie mangelhafte Instandhaltung in ihrer Substanz gemindert. [84] Ab Oktober 1943 stellte sich die Frage, ob beim Rückzug der deutschen Wehrmacht eine Politik der verbrannten Erde auch auf Industriebetriebe anzuwenden sei. Rüstungsminister Speer vertrat die Ansicht, dass entweder bedrohte Gebiete rechtzeitig zu räumen und Maschinen und Anlagen zu verlagern oder nur wichtige Maschinenteile auszubauen seien („Lähmung“). [85] Er begründete eine Lähmung (statt Zerstörung) mit der Erwartung, zurückeroberte Industriereviere unmittelbar wieder in den Dienst der Kriegswirtschaft stellen zu können. Umsetzbar war die Lähmung durch die Demontage einzelner betriebsnotwendiger, meist elektrischer Apparate wie Transformatoren, durch deren Entfernung der Betrieb im letzten Moment unterbrochen werden konnte.

Nachweise

[1] Röhr: Schwerindustrie im annektierten Oberschlesien, S. 12; Schmidt, Stadtbuch Königshütte, S. 143.

[2] Konzern der Familie Graf von Ballestrem, Gräflich Schaffgothsche Werke GmbH, Konzern der Familie Henckel von Donnersmarck, Giesches Erben, Fürstlich-Plessische Unternehmen, AEG, SCHLESAG, Preussag u.a..

[3] Rosenkötter: Treuhandpolitik, S. 22; Röhr, Schwerindustrie im annektierten Oberschlesien, S. 9 f. u. S. 16 f..

[4] Ebd., S. 22.

[5] Ebd., S. 22; Wixfurt: Flick-Konzern im Dritten Reich, S. 400-414.

[6] Rosenkötter: Treuhandpolitik, S. 20.

[7] Nürnberger Prozesse, Dokument zur Interrogation Max Winkler, Nr. 1580 D vom 27 Januar 1948, in: Rosenkötter: Treuhandpolitik, S. 81; Döge: Ein treuer Diener vieler Herren – Max Winkler, 2022.

[8] Nicht identisch mit dem gleichnamigen Leiter der Gestapo.

[9] Rosenkötter: Treuhandpolitik, S. 81.

[10] DRAnz Nr. 260 vom 6. November 1939, Bekanntmachung über die Errichtung einer Haupttreuhandstelle Ost vom 1. November 1939, auch veröffentlicht im Amtsbl. des RP in Kattowitz am 18. November 1939, S. 1.

[11]  DRAnz Nr. 139 vom 17. Juni 1940, S. 3: Anordnung über die Haupttreuhandstelle Ost. Die Bekanntmachung vom 1. November 1939 wurde zum gleichen Zeitpunkt aufgehoben. Vgl. Pospieszalski: Nazi Occupation „Law“ in Poland, Part I, S. 247.

[12] Rosenkötter: Treuhandpolitik, S. 90: Geschäftsverteilung vom 2. Dezember 1939.

[13] Dingell: Treuhandstelle Posen, S. 72 ff..

[14] Mitteilungsblatt der HTO vom 15. März 1941, Nr. 2, S. 112 und 25. Juni 1941, Nr. 5, S. 232: Geschäftsverteilungspläne 1941; siehe auch BArch R144/317 Fassung vom 6. Okt. 1942, 15. März 1943 und 1. Mai 1944.

[15] BArch R144/137: Schreiben von Winkler vom 1. Juli 1942.

[16] Dr. Rudolf Bösche, Referatsleiter für die Branche Nahrungsmittelindustrie: auch kommissarischer Verwalter der Vereinigte Zichorien-Fabriken Ferdinand Bohm & Co. und Gleba AG in Leslau; Werner Tessmar, Referatsleiter Bergbau: auch kommissarischer Verwalter der Flohenlohe-Werke AG in Hohenlohehütte, der Kopalnia Szczęścia Antiego (Steinkohlenbergwerk „Antonsglück“) in Kattowitz und der Czernitzer Steinkohlen- Bergbau AG in Lentzberg.

[17] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 42 ff..

[18] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 72.

[19] Georg Thomas: Geschichte der deutschen Wehr- und Rüstungswirtschaft (1918-1943/45). Schriftenreihe des Bundesarchivs, Bd. 14. Boppard: Harald Boldt Verlag, 1966, S. 162 f.

[20] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–19422, S. 67.

[21] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 73; Dingell, S. 186

[22] Mitteilungsblatt der HTO, 1940, S. 22: Richtlinien über den Abschluss von Kaufverträgen über beschlagnahmte oder kommissarisch verwaltete Unternehmen nebst einem Musterkaufvertrag.

[23] Zweite Anordnung über die HTO vom 17. Februar 1941 (DRAnz Nr. 51 - MBl. S. 86).

[24] Mitteilungsblatt der HTO, 1940, S. 156: Rundverfügung über den Beginn der Verwertung beschlagnahmten und kommissarisch verwalteten Vermögens.

[24a] Oberbergamt Breslau: Die Bergbehörden und die ihrer Aufsicht unterstehenden Betriebe im Oberbergamtsbezirk Breslau.  Breslau: Verlag Bunzlau, 1944.

[25] Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1941-1942, S. 36., 125, 192.

[25a] Jerzy Jaros: Der Steinkohlenbergbau im oberschlesischen Becken während des Zweiten Weltkriegs. Studia Historiae Oeconomicae Juni 1979, Nr. 14 (1),  S. 239-242.

[26] HTO RB 1942, S. 279.

[27] Ebd., S. 280.

[28] HTO RB 1942, S. 106.

[29] ÖAnzK , Stück 1 vom 12. Januar 1940, S. 4 Nr. 37.

[30] HTO RB 1942, S. 107.

[31] ÖAnzK , Stück 43 vom 30. November 1940, S. 221 Nr. 2192.

[32] ÖAnzK , Stück 3 vom 18. Januar 1941, S. 18 Nr. 158. Vgl. Hoppenstedt: Handbuch der Deutschen Aktiengesellschaften 1943.

[33] HTO RB 1942, S. 106 f. und 277.

[34] Amtsbl. Reg. Kattowitz, Stück 24 vom 6. Juni 1942, Beilage.

[35] HTO RB 1942, S. 100.

[36] ÖAnzK , 1939/1940.

[37] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942 1942, S. 104.

[38] Organisationsform eines kommunalen Unternehmens ohne eigene Rechtspersönlichkeit.

[39] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942 1942, S. 102.

[40] Ebd., S. 101 und 105 f.: die Überlandzentrale Bendsburg im Dombrowaer Kohlengebiet AG, die Elektrische Fernleitungen-AG Bendsburg, die Schlesische Elektrizitätswerke AG (SEWAG)  in Kattowitz und die Überlandzentrale Siercza Wodna AG, letztere zu 74,5 % im Eigentum belgischer Aktionäre, wurden nach dem Zeitwert zum 31.12.1941 an die Energieversorgung Oberschlesien AG (EVOS)  verkauft, ebenso die Silesia Bergbau AG in Dzieditz.

[41] Ebd., S. 100 f..

[42] Sikora, Waffenschmiede, S. 143, 172 und 188: elektrothermische Hütte in Ober-Lazisk, in der u.a. Karbid für das autogene Schweißen und Schneiden sowie Eisenlegierungen hergestellt wurden, die in der Maschinen-, Elektro- und chemischen Industrie Anwendung fanden; 1.894 Beschäftigte (1943).

[43] Ebd., S. 101 f..

[44] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 104.

[45] Der GIWE wurde durch Erlass vom 29. Juli 1941 (RGBl. I 467) zur Führung, Neuordnung und Beaufsichtigung der Wasser- und Energiewirtschaft eingesetzt..

[63] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 137. In den Betrieb der Reichsbahn übernommen wurden etwa Streckenabschnitte der Ferdinands-Nordbahn, die Kohlen-Magistrale zwischen Herby Nowe / Oberschlesien und Gotenhafen und die Schlesisch-Dombrowaer Eisenbahn.

[64] Ebd., S. 138.

[65] ÖAnzK , Stück 19 vom 15. Juni 1940, S. 98, Nr. 983.

[69] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 138.

[70] Ebd., S. 137.

[71] ÖAnzK , Stück 13 vom 29. März 1941, S. 90, Nr. 977; ebd., Stück 30 vom 26. Juli 1941, S. 216 Nr. 2051. Die Straßenbahn- und Autobusgesellschaft AG in Bielitz wurde am 31.Mai 1944 von der neu gegründeten Bielitzer Verkehrsbetriebe AG übernommen.

[79] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 140 f..

[80] Ebd., S. 141. Die Spedition, 1885 in Posen gegründet, wurde nach Kriegsende vom Alteigentümer reaktiviert und ist heute unter der Firmierung C. Hartwig Gdynia S.A. ein in Polen führender Dienstleister in den Bereichen Transport, Spedition und Logistik.

[81] HTO-Rechenschaftsbericht 1939–1942, S. 138.

[83] Sikora, Waffenschmiede, S. 378: Akkumulatorenwerk F. Müller AG, Bielitz: Aufträge für Flugzeugmotorenzubehör und Motorenzubehör; Ebd., S. 153 und 281: Elektro-Industrie AG, Tschechowitz: Waffenproduktion als Entlastungsauftrag durch die Heeresstelle des Rüstungskommandos Kattowitz (1940), Zünder für das Heer, Munition für die Kriegsmarine und Funkortungsapparate für die Luftwaffe (1944).

[84] Röhr, Schwerindustrie im annektierten Oberschlesien, S. 55.

[85] Boelcke, Zerstörung oder Lähmung, S. 303.